Kin­der und Jugend­li­che als IMs der Stasi

01. Dezember 2020
Foto: Laila Mehlis
Das The­ma des neu­es­ten Jugend­ro­mans von Grit Poppe

Lai­la Meh­lis, Prak­ti­kan­tin bei Pots­Kids! und Lite­ra­tur­stu­den­tin, hat sich für uns mit der Autorin Grit Pop­pe in der Lin­den­stra­ße vor dem soge­nann­ten „Lin­den­ho­tel“, dem ehe­ma­li­gen Sta­si­ge­fäng­nis Pots­dams, getrof­fen. Grit Pop­pe schreibt Kin­der- und Jugend­bü­cher, aber auch Bücher für Erwach­se­ne. Lai­la Meh­lis hat mit ihr über ihre Neu­erschei­nung „Ver­ra­ten“ und deren The­ma­tik, min­der­jäh­ri­ge Inof­fi­zi­el­le Mit­ar­bei­ter (IM) der Sta­si und Hei­me in der DDR, gespro­chen. Hier ein Aus­zug aus dem Inter­view.  Die Vor­stel­lung des Buches fin­dest du hier: potskids.de/medien/verraten

Wir tref­fen uns in der Lin­den­stra­ße. Möch­ten Sie erläu­tern, war­um wir uns hier tref­fen und wie das im Zusam­men­hang mit Ihrem Werk „Ver­ra­ten“ steht?

Grit Pop­pe: Das „Lin­den­ho­tel“ war ein Haft­ort für poli­ti­sche Geg­ner der SED oder auch sol­che, die die Sta­si dafür gehal­ten hat. Heu­te fin­den hier vie­le Zeit­zeu­gen­ge­sprä­che statt. Hin und wie­der bin ich dort mit einer Lesung, die manch­mal auch von einem Zeit­zeu­gen­ge­spräch beglei­tet wird. In „Ver­ra­ten“ geht es um Jugend­li­che, die mit der Sta­si zu tun beka­men. Des­we­gen dach­te ich, passt es gut, wenn wir uns hier vor dem „Lin­den­ho­tel“ treffen.

War­um wol­len Sie das The­ma DDR Kin­dern und Jugend­li­chen näher bringen?

Grit Pop­pe: Das fing an, als mein Sohn in der 10. Klas­se war, da pas­sier­te nicht viel zu dem The­ma. Gleich­zei­tig ver­folg­te uns die­se Ost­al­gie-Wel­le. Es wur­de eben nicht the­ma­ti­siert, dass es eine Dik­ta­tur war, dass Men­schen dort unschul­dig lei­den muss­ten. Ich woll­te etwas zu dem The­ma fin­den, was Jugend­li­che inter­es­siert, und bin auf den Geschlos­se­nen Jugend­werk­hof Tor­gau gesto­ßen. Ich habe mir die Gedenk­stät­te ange­schaut und mit einer Mit­ar­bei­te­rin gere­det. Sie hat mich mit Zeit­zeu­gen in Ver­bin­dung gesetzt. Mit denen habe ich mich dann getrof­fen und wuss­te ziem­lich rasch, dass mein The­ma Tor­gau und die dras­ti­schen men­schen­ver­ach­ten­den Umer­zie­hungs­maß­nah­men dort sein wür­den. Ich habe dann schnell ange­fan­gen zu schrei­ben, weil ich die Ein­drü­cke der Zeit­zeu­gen­ge­sprä­che nut­zen woll­te. So ist „Weg­ge­sperrt“ ent­stan­den – der ers­te der inzwi­schen vier Jugend­ro­ma­ne mit DDR-Thematik.

Wie sind Sie bei der Recher­che von „Ver­ra­ten“ vorgegangen?

Grit Pop­pe: Ich habe zunächst Doku­men­tar­fil­me zum The­ma gese­hen, Sach­bü­cher dazu gele­sen. Schwie­rig war es, Zeit­zeu­gen zu fin­den, weil die ehe­ma­li­gen min­der­jäh­ri­gen IMs heu­te zwar zu Recht als Opfer gel­ten, weil sie miss­braucht wur­den, aber eben auch Leu­te bespit­zelt haben. Vie­le gibt es also nicht, die dar­über reden wol­len. Die Füh­rungs-Offi­zie­re die­ser jugend­li­chen IMs erschli­chen sich das Ver­trau­en der Min­der­jäh­ri­gen und haben so getan, als wären sie deren Freun­de. Gelernt haben sie das alles übri­gens in Golm an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le des MfS, dem Lehr­stuhl für ope­ra­ti­ve Psy­cho­lo­gie. Neben Zer­set­zungs­maß­nah­men wur­de dort unter ande­rem gelehrt, wie sie Jugend­li­che dazu bekom­men, Auf­trä­ge für sie zu übernehmen.

2019 erschien der Doku­men­tar­film „Sta­si im Kin­der­zim­mer“, der wur­de von der Stif­tung Auf­ar­bei­tung gezeigt und ich bekam eine Ein­la­dung. So habe ich erfah­ren, dass Chris­ti­an Ahn­sehl, ein Zeit­zeu­ge, dort im Podi­um saß. Ich bin hin­ge­fah­ren und habe ihn ange­spro­chen. Er hat mir spä­ter sei­ne Akte gege­ben und wir haben uns über sei­ne Geschich­te unter­hal­ten. Ich hat­te mir vor­her schon Berich­te über das in Golm gelern­te Vor­ge­hen der Sta­si-Offi­zie­re ange­se­hen. Die Akte von Chris­ti­an Ahn­sehl hät­te man prak­tisch dane­ben­le­gen kön­nen. Der Sta­si­mit­ar­bei­ter hat das bei ihm 1:1 genau­so gemacht, wie es in der Sta­si­hoch­schu­le gelehrt wur­de. Er ist genau nach Plan vorgegangen.

War­um ist es Ihnen so wich­tig, mit Zeit­zeu­gen zu reden?

Grit Pop­pe: Man muss die Geschich­te der Opfer ken­nen. Bei einem letz­ten Inter­view erzähl­te mir ein Zeit­zeu­ge Din­ge, die ich nie für mög­lich gehal­ten hät­te. Er hat sei­ne Geschich­te zum ers­ten Mal erzählt. Das habe ich auch schon öfter erlebt. Vie­le haben alles jah­re­lang ver­drängt und haben jetzt psy­chi­sche Pro­ble­me, aber wis­sen nicht, wo sie hin­ge­hen sol­len, denn es gibt zu wenig Psy­cho­lo­gen, die sich mit die­ser The­ma­tik auskennen.

Könn­ten Sie das Vor­ge­hen der Sta­si an dem Fall des Prot­ago­nis­ten Sebas­ti­an darstellen?

Grit Pop­pe: Sebas­ti­an kommt in das Durch­gangs­heim Bad Frei­en­wal­de, so ziem­lich das schlimms­te Durch­gangs­heim, weil es wie der Geschlos­se­ne Jugend­werk­hof ein Gefäng­nis war. Sebas­ti­an schafft es raus, weil ein Erzie­her sei­nen Vater kon­tak­tiert und die­ser ihn abholt. In der Schu­le, im Büro des Direk­tors, erhält Sebas­ti­an gleich Besuch von der Sta­si. Die sind oft in Schu­len gegan­gen. Der Sta­si-Offi­zier fragt ihn, ob er wuss­te, dass sein Vater im Knast war. So bekommt er Sebas­ti­an dazu, dass die­ser mehr wis­sen will. Sie tref­fen sich noch­mal und eine Nor­ma­li­tät ent­steht. All­mäh­lich kom­men dann kon­kre­te Fra­gen. Erst als Sebas­ti­an die Ver­pflich­tungs­er­klä­rung unter­schreibt, erfolgt der eigent­li­che Auf­trag, dass er sei­nen Vater über­wa­chen soll, weil die­ser als poli­ti­scher Geg­ner gilt.

Sebas­ti­an ist spä­ter aus der gan­zen Sache mit der Sta­si raus gekom­men. Funk­tio­nier­te das damals wirk­lich so “ein­fach“?

Grit Pop­pe: Wenn man sich dekon­spi­riert hat, dann hat die Sta­si einen meist fal­len­ge­las­sen. Das heißt aber nicht, dass man danach kei­ne Schwie­rig­kei­ten mehr hat­te. Es war bei vie­len so, dass sie anschlie­ßend noch über­wacht wur­den. Soge­nann­te „miss­lie­bi­ge Bür­ger“ beka­men nicht sel­ten auch einen PM12, also einen Ersatz­aus­weis – ver­bun­den mit sehr ein­ge­schränk­ten Rechten.

Wie könn­te man die anfäng­li­che Abwehr­hal­tung der Jugend­li­chen dem The­ma gegen­über ändern?

Grit Pop­pe: Ich wür­de auf jeden Fall raten, in Gedenk­stät­ten zu gehen und Zeit­zeu­gen zu spre­chen. Die Schu­len soll­ten die­se Ange­bo­te wirk­lich mehr nut­zen. Sie soll­ten vor allem nicht nur Fak­ten­wis­sen ver­mit­teln, son­dern auch, was Men­schen erlebt haben und was dort pas­siert ist, wie es den Betrof­fe­nen heu­te geht, also die rea­len Geschichten.

Es gibt natür­lich auch die Mög­lich­keit, eine Lesung mit Gespräch aus „Weg­ge­sperrt“ oder auch aus dem neu­en Buch „Ver­ra­ten“ in der Schu­le durch­zu­füh­ren – auf Wunsch auch mit Zeit­zeu­gen­ge­spräch. In eini­gen Schu­len wur­de ja „Weg­ge­sperrt“ schon gele­sen – und das Feed­back der Schü­le­rin­nen und Schü­ler war fast immer positiv.

Die­ses Jahr ist von Ihnen nicht nur das Buch „Ver­ra­ten“ erschie­nen, son­dern auch ande­re Wer­ke. Was für Bücher sind das und arbei­ten Sie schon an einem neu­en Projekt?

Grit Pop­pe: Es ist „Ali­ce Litt­le­bird“ erschie­nen, ein Kin­der- und Jugend­ro­man. Dabei geht es um die Kin­der der First Nati­ons in Kana­da, die in soge­nann­te Resi­den­ti­al Schools gesperrt wur­den zur christ­li­chen Umer­zie­hung. Das ist ver­bun­den mit einer Aben­teu­er­ge­schich­te. Auch ein Roman für Erwach­se­ne wur­de ver­öf­fent­licht, „Angst­fres­ser“, eine Trau­ma­ti­sie­rungs­ge­schich­te, die im Heu­te spielt, aber auch mit der DDR zu tun hat. Dann ist auch noch mein ers­tes Bil­der­buch erschie­nen „Wil­ma Wun­der­huhn“ für die ganz Klei­nen. Momen­tan arbei­te ich an einem Sach­buch zum The­ma Umer­zie­hung. Haupt­säch­lich soll es um die Geschich­ten der Zeit­zeu­gen gehen.

Wei­te­re Infos zu den Büchern von Grit Pop­pe fin­dest du auf:
www.grit-poppe.de