„Die Män­ner müs­sen mit­ge­dacht werden“

15.02.2021
Foto: © WZB/David Ausserhofer

Inter­view mit Prof. Jut­ta All­men­din­ger zu ihrer Streit­schrift für mehr Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit mit Jens Taschen­ber­ger von unse­rem Fami­li­en­ban­de-Part­ner­ma­ga­zin „Lau­se­ban­de“ aus Cottbus.

Glaubt man dem Deutsch­land­funk, kennt kei­ner uns so gut wie Jut­ta All­men­din­ger. Die Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin und Prä­si­den­tin des Wis­sen­schafts­zen­trums Ber­lin für Sozi­al­for­schung (WZB) forscht zu Arbeits­wel­ten, Bil­dung und sozia­ler Ungleich­heit in unse­rem Land. Ihre Arbei­ten fin­den Beach­tung in Wirt­schaft und Politik. 

Als die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie die Lebens­si­tua­ti­on unzäh­li­ger Frau­en zwi­schen Heim­bü­ro und Herd, häus­li­cher Gewalt und phy­si­scher wie psy­chi­scher Über­las­tung im ohne­hin männ­lich domi­nier­ten Gesell­schafts­bild Deutsch­lands ver­schärf­te, platz­te ihr der Kra­gen. Zum Glück. Sie unter­stütz­te maß­geb­lich die Kam­pa­gne #ich­will, die end­lich die Frau­en­quo­te auf die Tages­ord­nung der Bun­des­po­li­tik und schließ­lich ins Ziel brachte. 

Zum Jah­res­be­ginn erschien nun ihr Buch „Es geht nur gemein­sam!“. Es ist mehr Streit­schrift als Buch und offen­bart anhand unzäh­li­ger Fak­ten ein ver­lo­re­nes Jahr­zehnt für die Gleich­stel­lung von Frau­en in Deutsch­land. Es zeigt aber auch Lösun­gen und Wege auf – in eine diver­se Gesell­schaft mit star­ken Frau­en und Män­nern als wah­re Lebens­part­ner. Eine Lek­tü­re für Müt­ter und Väter, die Augen­hö­he zulas­sen und allen Kin­dern künf­tig glei­che Chan­cen und Per­spek­ti­ven ermög­li­chen wol­len. Grün­de genug, das The­ma zum Start eines Wahl­jah­res gemein­sam mit Jut­ta All­men­din­ger auf die Agen­da aller Fami­li­en zu setzen.

Wie sehr haben Sie sich über den Beschluss zur Frau­en­quo­te in DAX-Unter­neh­men gefreut, der zum Janu­ar­be­ginn kurz vor Erschei­nen ihres Buches einen zen­tra­len Inhalt zeit­lich qua­si über­holt hat?

Ich habe mich rie­sig gefreut. Wir Frau­en haben uns im ver­gan­ge­nen Herbst über ver­schie­dens­te Berei­che hin­weg soli­da­ri­siert. Wir hat­ten den Mut, unse­re For­de­run­gen in einer viel beach­te­ten Bun­des­pres­se­kon­fe­renz klar und deut­lich zu benen­nen. Und wir haben es wider Erwar­ten geschafft, dass die Koali­ti­on nun einen Geset­zes­ent­wurf auf den Weg gebracht hat.

Ihre Streit­schrift zur Gleich­stel­lung der Frau­en in Deutsch­land wid­men Sie zwi­schen den Zei­len Ihrer unge­bo­re­nen Enkel­toch­ter Marie, wie wich­tig ist Ihnen die pri­va­te Dimension?

Damit ver­bin­de ich die Hoff­nung auf eine künf­tig grö­ße­re Gleich­stel­lung zwi­schen den Geschlech­tern. Die per­sön­li­che Per­spek­ti­ve auf das The­ma, auch in den wei­te­ren bio­gra­fi­schen Bezü­gen, war mir wich­tig. Ich woll­te zei­gen, dass für eine Frau bis­lang extrem viel Glück zum Weg an die Spit­ze gehör­te. Denn oft wer­de ich als Bei­spiel her­an­ge­zo­gen, dass sich Leis­tung und Anstren­gung auch für Frau­en loh­nen. Damit fin­de ich mein Leben aber falsch beschrie­ben. Ich hat­te ins­be­son­de­re das Glück, in eine Fami­lie gebo­ren wor­den zu sein, die mir sehr viel ermög­licht und sehr viel Selbst­ver­trau­en mit auf den Weg gege­ben hat. Von daher habe ich mich das ers­te Mal ent­schlos­sen, tat­säch­lich ein sehr per­sön­li­ches Buch zu schrei­ben – und die­se per­sön­li­chen Erfah­run­gen mit den Erkennt­nis­sen aus mei­ner For­schung und Sta­tis­ti­ken zu verbinden.

Im Buch set­zen Sie vor dem Hin­ter­grund des Coro­na-Kri­sen­jah­res den viel umju­bel­ten Sie­ges­zug des Home­of­fice mit einer Nie­der­la­ge der Gleich­stel­lung und einem Rück­fall der Frau­en um Jahr­zehn­te gleich, warum?

Ich stim­me dem Jubel über das Home­of­fice aus einem ein­fa­chen Grund über­haupt nicht zu: Es ist ein Rück­zug ins Pri­va­te. Das ist einer Gesell­schaft nicht ange­mes­sen, die mit Frem­den umzu­ge­hen ver­ste­hen muss und dar­auf ange­wie­sen ist, einen öffent­li­chen Raum zu haben. Frau­en haben Jahr­hun­der­te gebraucht, um den öffent­li­chen Raum auch in Deutsch­land zuge­spro­chen zu bekom­men. Damit mei­ne ich die Erwerbs­ar­beit außer­halb des Hau­ses, das Mit­ein­an­der mit ande­ren, ein Stück eige­nes Leben. Der mit dem Home­of­fice ver­bun­de­ne Rück­zug ins Haus stärkt das alte Mus­ter, dass es vor allem die Frau­en sind, die zu Hau­se für ihre Kin­der und ihre Fami­lie sor­gen. Das Home­of­fice ver­grö­ßert die bestehen­den Lücken zwi­schen Frau­en und Män­nern – die Lücke im Stun­den­lohn, die Lücke im Monats­ein­kom­men, im Ren­ten­ein­kom­men, die Lücke in der unbe­zahl­ten Arbeit oder in Füh­rungs­po­si­tio­nen. Inso­fern ver­bin­de ich mit dem Home­of­fice deut­li­che Rück­schrit­te für die Frau­engleich­stel­lung in Deutschland.

Sie haben im ver­gan­ge­nen Herbst von männ­li­chen Jour­na­lis­ten für Ihre The­se der Retra­di­tio­na­li­sie­rung der Frau­en Deutsch­lands in der Coro­na­kri­se viel Gegen­wind bekom­men, hal­ten Sie die The­se heu­te für evident?

Der Gegen­wind vie­ler männ­li­cher Jour­na­lis­ten hat mich gefreut. Dabei sind Arti­kel nach dem Mot­to „Von wegen Raben­vä­ter!“ ent­stan­den und es wur­de damit argu­men­tiert, dass Män­ner doch auch mit ihren Kin­dern auf den Spiel­plät­zen sind oder für die Fami­lie ein­kau­fen gehen. Sie haben damit unbe­wusst gesagt, dass eine glei­che­re Ver­tei­lung der unbe­zahl­ten Arbeit auch für Män­ner erstre­bens­wert ist. Inso­fern fand ich den Gegen­wind sogar hilf­reich und einen ers­ten Schritt zur Veränderung. 

War­um habe ich die The­se auf­ge­stellt, dass sich bei Frau­en in der Kri­se alte Rol­len­bil­der ver­stärkt haben? Schul- und Kita­schlie­ßun­gen führ­ten in der Tat zum Ent­zug der öffent­li­chen Hil­fe, die Grund­la­ge für eine Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie ist. Wir haben lan­ge Kämp­fe geführt, Kin­der­ta­ges­stät­ten für unter Drei­jäh­ri­ge durch­zu­set­zen. Wir kämp­fen nach wie vor für Voll­zeit­schu­len. All das und mehr wur­de über Nacht zurück­ge­dreht und ist nun wie­der in wei­te Fer­ne gerückt. 

Ich tei­le auch kei­nes­wegs die­sen Opti­mis­mus, dass die Coro­na­kri­se zu einer bes­se­ren Ver­tei­lung der unbe­zahl­ten Arbeit füh­ren wird. Es wur­de oft argu­men­tiert, dass Män­ner in der Kri­se etwa bei der Betreu­ung der Kin­der oder ande­rer unbe­zahl­ter Arbeit im Haus­halt zuge­legt hät­ten. Das hin­ter­fra­ge ich sta­tis­tisch und kom­me zu ande­ren Erkennt­nis­sen. Wenn ich von einem nied­ri­gen Sockel aus­ge­he, kann ich mich pro­por­tio­nal natür­lich mit rela­tiv wenig Auf­wand sehr stark ver­än­dern. Wenn ich von einem sehr hohen Sockel aus­ge­he, fällt mir das natür­lich sehr schwer. Man spricht dabei von Grenz­las­ten, der Tag hat nur 24 Stun­den. Frau­en waren kaum in der Lage, dem Vie­len, was sie schon zuvor an unbe­zahl­ter Arbeit leis­ten muss­ten, noch viel hinzuzulegen. 

Zudem habe ich hin­ter­fragt, ob man die Ver­ant­wor­tung für die Pfle­ge von Kin­dern oder Älte­ren über­haupt in Stun­den und Minu­ten auf­rech­nen kann. Hier gibt es zuneh­mend Lite­ra­tur aus der Psy­cho­lo­gie zur soge­nann­ten „Men­tal Load“. Es geht um all die unsicht­bar mit­ge­dach­ten Auf­ga­ben im All­tag, ein „für alles ver­ant­wort­lich sein“. Die­se Ver­ant­wor­tung kommt fast immer den Frau­en zu und kann zu extre­men Belas­tun­gen füh­ren, die sich in Stress, Schlaf­lo­sig­keit und nächt­li­chem Auf­blei­ben bis hin zu Bur­nout-ähn­li­chen Sym­pto­men äußern. Wir sehen in Stu­di­en, dass Män­ner wesent­lich weni­ger Stress­pha­sen durch den Lock­down erlit­ten als Frau­en. Es sind also vie­le Grün­de, die in mei­nen Augen für eine Re-tra­di­tio­na­li­sie­rung spre­chen. Das zei­gen auch har­te Fak­ten der Sta­tis­tik: Frau­en sind im Lock­down stär­ker mit ihrer Arbeits­zeit nach unten gegan­gen, Frau­en sind nach dem ers­ten Lock­down viel schlech­ter als Män­ner wie­der in Arbeit gekom­men und Frau­en sagen viel häu­fi­ger als Män­ner, sie kön­nen in einer sol­chen Situa­ti­on unter den in Deutsch­land gesetz­ten Rah­men­be­din­gun­gen nicht mehr erwerbs­fä­hig sein.

Sie ertei­len in Ihrem Buch dem in Deutsch­lands Poli­tik ver­an­ker­ten Para­dig­ma der Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie eine kla­re Absa­ge, warum?

Es geht um die Per­spek­ti­ve. Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie muss für Frau­en und Män­ner gel­ten. Die Män­ner müs­sen mit­ge­dacht wer­den, wir brau­chen eine grö­ße­re Ver­tei­lung der unbe­zahl­ten Arbeit zwi­schen Män­nern und Frau­en. Solan­ge das Para­dig­ma der Ver­ein­bar­keit allein bei den Frau­en liegt, wird auch das Home­of­fice als ver­meint­li­che Lösung nur zu einer ein­sei­ti­gen Mehr­be­las­tung für Frau­en führen.

Stu­di­en zu häus­li­cher Gewalt gegen Frau­en in der Coro­na­kri­se kamen zu teils erschre­cken­den Ergeb­nis­sen – war­um wur­de das gesell­schaft­li­che Dra­ma ledig­lich von ein paar Wochen Applaus für Sys­tem­re­le­vanz statt einem nach­hal­ti­gen Auf­schrei begleitet?

Die häus­li­che Gewalt trifft auch Kin­der. Wenn sich einer­seits Jugend­äm­ter, Sozi­al­äm­ter und Frau­en­häu­ser auf­grund von Kon­takt­be­schrän­kun­gen nicht um Frau­en und Kin­der küm­mern und die­sen ande­rer­seits Kita, Schu­le und der öffent­li­che Raum ent­zo­gen wer­den, dann wer­den Pro­ble­me und Gewalt für die Gesell­schaft unsicht­bar. Das Ein­igeln im Häus­li­chen hat zu einer enorm hohen Dun­kel­zif­fer geführt. Frau­en mit Pro­ble­men wur­de der per­sön­li­che Zugang zu Hil­fen unmög­lich. Etli­che Hot­lines sind über­ge­lau­fen. Daher resul­tie­ren eini­ge Sta­tis­ti­ken über die Zunah­me der Gewalt, die ins­be­son­de­re auch die Kin­der betrifft. Aber vie­les bleibt im Dunkeln.

Eine Münch­ner Stu­die ermit­tel­te im Lock­down unter befrag­ten Frau­en 3,6 Pro­zent mit Erfah­run­gen häus­li­cher Gewalt, bei Kin­dern waren es über 6 Pro­zent – das sind hun­dert­tau­sen­de Schick­sa­le, war­um ver­schwand das The­ma den­noch bin­nen weni­ger Tage aus der öffent­li­chen Debatte?

Da kann ich nur spe­ku­lie­ren. Zu vie­le haben ein­fach die Augen zuge­macht. Es wur­de sich hin­ter Kon­takt­be­schrän­kun­gen ver­steckt, Frau­en­häu­ser blie­ben trotz der bekann­ten Pro­ble­me geschlos­sen. Dabei wären Lösun­gen denk­bar gewe­sen: In ande­ren Berei­chen lief es wäh­rend der Pan­de­mie zum Teil bes­ser als zuvor. So gab es in Ber­lin gro­ße Modell­ver­su­che zur Obdach­lo­sig­keit. Hier ist man neue Wege gegan­gen, hat sich geküm­mert und für mehr Wohn­raum gesorgt, auch dank Anmie­tung von Pen­sio­nen und Hotels. Auch der bit­te­ren Gewalt gegen­über Frau­en und Kin­dern hät­te man begeg­nen kön­nen, wenn man es gewollt hät­te. Das ist Poli­tik­ver­sa­gen. Hier hät­te sicher auch aus der For­schung mehr Druck auf­ge­baut wer­den müssen.

Eine Per­spek­ti­ve kommt im Buch sehr kurz. Das star­ke Frau­en­bild der DDR, das ein fun­da­men­ta­ler Gegen­ent­wurf zur Haus­frau im Wes­ten war und im Osten bis heu­te nach­wirkt, betrach­ten Sie nur bei den Unter­schie­den in West- und Ost­ren­ten der Frau­en – kön­nen wir für die Gleich­stel­lungs­de­bat­te nicht mehr dar­aus lernen?

Natür­lich. Ich habe die Ren­ten­zah­lung aus gutem Grund aus­ge­wählt, um die immensen Unter­schie­de dar­zu­stel­len. Sie bil­det alle ande­ren Fak­to­ren ab und saugt die unglei­chen Lebens­ent­wür­fe mehr als jeder ande­re Indi­ka­tor auf wie ein Schwamm. Die Ren­ten­zah­lun­gen für Frau­en im Wes­ten im Ver­gleich zu jenen im Osten sind des­halb viel nied­ri­ger, weil es im Wes­ten schon immer die­ses Teil­zeit-Ver­ein­bar­keits-Para­dig­ma gibt. Dar­aus resul­tiert die enor­me Lücke an Arbeits­zeit zwi­schen Män­nern und Frau­en, an Ein­kom­men, an Füh­rungs­po­si­tio­nen und bei der unbe­zahl­ten Arbeit. Das war im Osten völ­lig anders. Ich woll­te das bio­gra­fisch ange­leg­te Buch nicht als „dop­pel­tes Lott­chen“ umset­zen. Die Ent­schei­dung, in mei­nem Buch Pri­va­tes und Per­sön­li­ches zu einen, ging des­halb ein­her mit der Per­spek­ti­ve einer West­frau. Ich hat­te tat­säch­lich über­legt, bei­de Per­spek­ti­ven zu schil­dern und das Buch als Gespräch zwi­schen zwei Frau­en mit die­ser unter­schied­li­chen Sozia­li­sa­ti­on anzu­le­gen. Ich habe mich aber dage­gen ent­schie­den, weil ich das nicht als glaub­wür­dig emp­fand und mir nicht anma­ßen woll­te, für eine Ost­frau zu sprechen.

Gibt die Sozio­lo­gie Hin­wei­se, dass sich auch Män­ner und Väter im Osten auf­grund ihrer Sozia­li­sa­ti­on anders verhalten?

Ja, Väter im Osten ver­hal­ten sich anders und zwar immer noch anhal­tend. Wir sehen noch heu­te bei Ost­män­nern eine wesent­lich grö­ße­re Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass ihre Frau­en glei­che Arbeits­zei­ten haben und nicht dem west­li­chen Zuar­bei­ter-Modell ent­spre­chen. Es ist erstaun­lich, wie lan­ge sol­che unter­schied­li­chen Kul­tu­ren wir­ken, obwohl die Struk­tu­ren des Wes­tens über die des Ostens gestülpt wor­den sind. Das ist nicht nur in die­sem Fall bis heu­te bedau­er­lich. Es betrifft neben Gleich­stel­lungs­fra­gen auch den Schulbereich.

Nun steht das „gemein­sam“ im Titel Ihres Buches, wenn man es bis zum Ende gele­sen hat, klar für mehr Bewe­gung bei Män­nern. War­um kein pro­vo­kan­tes: „Män­ner, bewegt euch endlich!“?

Nach­dem sich Frau­en an männ­li­che Lebens­ver­läu­fe mehr und mehr her­an­gerobbt haben, müs­sen wir nun eine grund­sätz­li­che Fra­ge stel­len. Wie kann man sich ein Leben vor­stel­len, das bezahl­te und unbe­zahl­te Arbeit gleich­mä­ßig auf Män­ner und Frau­en ver­teilt und gleich­zei­tig Enga­ge­ment und Raum für per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung und Zeit mit­ein­an­der lässt? Hier kom­me ich zu dem Ergeb­nis, dass eine Voll­zeit für alle nicht das Ziel sein kann – und dem­nach auch nicht die voll­stän­di­ge „Ver­männ­li­chung“ von Frau­en. Erstre­bens­wert ist eine 32-Stun­den-Woche für Män­ner und Frau­en, so dass Män­ner mit ihrer Arbeits­zeit etwas her­un­ter und Frau­en etwas nach oben gehen. Es geht um Gemein­sam­keit, ein neu­es, aus­ge­gli­che­nes Arbeits­zeit­mo­dell. Die­ses wür­de end­lich dem hohen Niveau der Frau­en in Bil­dung und Aus­bil­dung sowie ihrem Wunsch nach Erwerbs­tä­tig­keit entsprechen.

Müss­ten mit die­sen Argu­men­ten nicht stär­ker Män­ner und Väter erreicht wer­den – die Kam­pa­gne #ich­will für die Frau­en­quo­te, die Sie maß­geb­lich for­cier­ten, blieb doch sehr stark in der weib­li­chen Pro­mi­nenz und Social Media-Com­mu­ni­ty verankert?

Die­se Kam­pa­gne war auch sehr prag­ma­tisch und allein auf die Frau­en­quo­te in den Vor­stän­den von DAX-notier­ten Unter­neh­men aus­ge­rich­tet. Es ging dar­um, einen wesent­li­chen, nicht abge­ar­bei­te­ten Punkt aus dem Koali­ti­ons­ver­trag ein­zu­for­dern. Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen sind ein Signal, ein Vor­bild für jun­ge Frau­en und sie kön­nen in Unter­neh­men durch Beset­zung nach­fol­gen­der Füh­rungs­ebe­nen Ein­fluss auf eine neue Unter­neh­mens­kul­tur nehmen. 

Jetzt kommt es natür­lich dar­auf an, die nächs­ten Zie­le zu defi­nie­ren. Das Ehe­gat­ten­split­ting ist ein mög­li­cher Punkt, es könn­te eine Rol­le in der kom­men­den Legis­la­tur spie­len. Wir soll­ten dabei nicht ein­fach gegen etwas sein, son­dern ein sinn­vol­les Fami­li­en­split­ting erar­bei­ten und dafür wer­ben, es umzu­set­zen. Ohne ein Mit­ma­chen der Män­ner wird das nicht funk­tio­nie­ren. Die Frau­en­quo­te wäre nicht durch­ge­gan­gen, wenn sich Män­ner wie Robert Habeck, Olaf Scholz und Mar­kus Söder nicht auch dafür ein­ge­setzt hät­ten. Inso­fern haben Män­ner dabei bereits wich­ti­ge Rol­len eingenommen.

Sie zei­gen im Buch, dass sich in Sachen Gleich­stel­lung auch vor der Coro­na­kri­se jah­re­lang kaum etwas bewegt hat. Kann man den aktu­el­len Schwung nun auf­neh­men, um Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit 2021 zu forcieren?

Unse­re Kam­pa­gne hat bewie­sen, dass es geht. Wir haben unser Anlie­gen im Okto­ber öffent­lich gemacht und bereits im Dezem­ber einig­te sich der Koali­ti­ons­aus­schuss auf die Frau­en­quo­te. Es ist ein klei­ner Schritt. Die bes­se­re Bezah­lung sys­tem­re­le­van­ter Tätig­kei­ten, die vor­wie­gend Frau­en leis­ten, wird nun enorm wich­tig. Män­ner müs­sen mehr Zeit für Haus­ar­beit und Kin­der­be­treu­ung auf­wen­den, Arbeits­zei­ten müs­sen sich angleichen.

Sie haben 2012 auch eine Streit­schrift zum deut­schen Bil­dungs­sys­tem ver­fasst, in dem Sie die Abschaf­fung des Bil­dungs­fö­de­ra­lis­mus for­der­ten – auch hier hat sich bis heu­te nichts getan und die Pan­de­mie offen­bar­te eben­so desas­trö­se Zustän­de. Haben Sie das The­ma zuguns­ten der Gleich­stel­lung aufgegeben?

Das The­ma habe ich nicht auf­ge­ge­ben. Ich arbei­te aktu­ell gera­de an einem Gut­ach­ten zum Bil­dungs­fö­de­ra­lis­mus und der Mit­fi­nan­zie­rung von Län­der­an­ge­le­gen­hei­ten durch den Bund. Es geht um eine Auf­wei­chung des Koope­ra­ti­ons­ge­bots – auch mit Blick auf die schlech­ten Erfah­run­gen beim Digi­tal­pakt mit all sei­ner Büro­kra­tie und dem man­geln­den Mit­tel­ab­ruf durch die Län­der. Zudem beschäf­ti­ge ich mich inten­siv mit Woh­nungs­ar­mut und der Fra­ge nach der Woh­nung von morgen.

Wir haben ein Bun­des­tags­wahl­jahr, in der heu­ti­gen Erre­gungs­kul­tur bringt die Gesell­schaft meist nur Auf­merk­sam­keit für ein gro­ßes The­ma auf – was müss­te sich tun, dass es sich dies­mal um die Pari­tät handelt?

Jetzt geht es dar­um, bestimm­te The­men in den nächs­ten Koali­ti­ons­ver­trag zu bekom­men. Das betrifft bei­spiels­wei­se das Fami­li­en­split­ting und eine Ver­län­ge­rung der Eltern­zeit für Väter von zwei auf vier Mona­te. Dazu gehört aber auch das Bil­dungs­the­ma, das min­des­tens genau­so wich­tig ist. Hier geht es um die sozia­le Kluft, die sich bei den Kin­dern durch die Mona­te der Nicht­be­schu­lung in der Coro­na-Pan­de­mie immens ver­grö­ßert hat.

Sie sind beken­nen­des SPD-Mit­glied – wie stark hadern Sie ob des jahr­zehn­te­lan­gen Ver­sa­gens mit dem poli­ti­schen Estab­lish­ment bei die­sen zen­tra­len The­men und war­um gibt es nicht längst eine Frau­en­par­tei, wo Frau­en jen­seits der 50 doch jede Wahl entscheiden?

Frü­her haben die jun­gen Frau­en gedacht, Gleich­stel­lung auf dem Arbeits­markt käme von allei­ne, von der Quo­te woll­ten sie nichts wis­sen. Das hat sich inter­es­san­ter­wei­se im ver­gan­ge­nen Jahr gedreht. Wir haben eine neue, jun­ge Frau­en­gene­ra­ti­on, die bei unse­rer Kam­pa­gne #ich­will maß­geb­lich und auf Augen­hö­he mit­ge­ar­bei­tet hat. Sie wol­len nicht län­ger war­ten. Für eine Bewe­gung oder eine Frau­en­par­tei braucht es vor allem jun­ge Frau­en, aber auch die­ses Mit­ein­an­der über Genera­tio­nen. Das ist eine Zei­ten­wen­de. Wenn man eine Frau­en­par­tei bis­lang ver­misst hat, dann auf­grund unter­schied­li­cher Lebens­vor­stel­lun­gen – da spiel­ten Ost-West, Bil­dung und Genera­tio­nen eine Rol­le. Heu­te könn­te eine Frau­en­par­tei oder eine star­ke Alli­anz der Frau­en mei­nes Erach­tens tat­säch­lich viel mehr Erfolg haben als vor 20 oder 40 Jahren.

Das Buch endet mit dem Satz „Wir wer­den sie­gen.“ – War­um siegt am Ende trotz der teils nie­der­schmet­tern­den Chro­no­lo­gie zu einem ver­lo­re­nen Jahr­zehnt rund um Pari­tät in Deutsch­land statt Frust die Zuversicht?

Das war in ers­ten Fas­sun­gen in der Tat weni­ger opti­mis­tisch. Anfangs schloss das Buch mit „Wir müs­sen arbei­ten“, spä­ter wur­de dar­aus ein vor­sich­ti­ges „Wir wer­den sehen.“ Und dann kamen die Kam­pa­gne, das Mit­ein­an­der und die Frau­en­quo­te. Die­sen letz­ten Satz habe ich tat­säch­lich ganz am Schluss noch ein­bau­en kön­nen, als nach unse­rem Enga­ge­ment zur Frau­en­quo­te vie­le Zei­chen auf Grün stan­den. Ich habe gese­hen, dass Frau­en unter­schied­lichs­ter Cou­leur und Genera­tio­nen ein Ziel einen kann. Schau­spie­le­rin, Fuß­ball-Natio­nal­spie­le­rin, Schrift­stel­le­rin, Mana­ge­rin oder Blog­ge­rin – es hat ein­fach super funk­tio­niert. Vor allem hat mich aber die Zusam­men­ar­beit mit den jun­gen Frau­en begeis­tert, von denen vie­le uns „betag­te Quo­ten­frau­en“ zuvor sicher kaum kann­ten. Das waren bis­lang getrenn­te Wel­ten, doch wir haben über The­men jetzt zusam­men­ge­fun­den. Wenn das kein Grund zur Zuver­sicht ist, was dann?

Jut­ta All­men­din­ger
Es geht nur gemein­sam!
144 Sei­ten, 12 Euro
Ull­stein Taschenbuch