Ein­ge­wöh­nung in die Kita

03.09.2020
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Leich­ter los­las­sen – Ein­ge­wöh­nung braucht Ruhe und Zeit

Dem ers­ten Tag als Kita- oder Schul­kind wird zumeist ent­ge­gen­ge­fie­bert. Ist er erst ein­mal da, ist es nicht nur für die Kin­der, son­dern auch für die Erwach­se­nen auf­re­gend. Kin­der, Eltern und Erzieher*innen müs­sen ein­an­der ver­trau­en, um die neue Situa­ti­on zu meis­tern. Das braucht Zeit. In Pots­dam haben Fami­li­en einen Rechts­an­spruch auf eine zehn­tä­gi­ge Ein­ge­wöh­nung vor dem eigent­li­chen Start des Kita-Auf­ent­hal­tes. In die­ser Pha­se sol­len die Kin­der ler­nen, sich von den Eltern abzuna­beln.

In den meis­ten Pots­da­mer Tages­pfle­ge­stel­len und Kitas erfolgt die Ein­ge­wöh­nung ent­spre­chend dem Ber­li­ner Ein­ge­wöh­nungs­mo­dell nach infans. Das Modell des Ber­li­ner Insti­tuts für ange­wand­te Sozialisationsforschung/Frühe Kind­heit e.V. stützt sich auf die Bin­dungs­theo­rie von John Bowl­by und geht von einer Ein­ge­wöh­nungs­zeit aus, die je nach Kind zwi­schen ein bis drei Wochen, min­des­tens aber drei Tage dau­ert. Wich­tig ist dabei, dass das Kind das Tem­po sei­ner Ein­ge­wöh­nungs­zeit selbst bestim­men kann. Die Auf­nah­me von Kin­dern in den All­tag einer Kita ist nie­mals Rou­ti­ne. Dar­um und wegen der orga­ni­sa­to­ri­schen Abläu­fe in den Ein­rich­tun­gen und der per­sön­li­chen Belan­ge der Eltern gibt es mit­un­ter Abwei­chun­gen.

Ein­ge­wöh­nung in Pha­sen

Nach dem Ber­li­ner Modell erfolgt die Ein­ge­wöh­nung des Kin­des in vier Pha­sen. In den ers­ten drei Tagen, der soge­nann­ten Grund­pha­se, kom­men Mut­ter oder Vater mög­lichst immer zur glei­chen Zeit für eine Stun­de mit dem Kind in die neue Grup­pe und gehen dann gemein­sam wie­der nach Hau­se. In die­ser Pha­se soll­ten die Eltern eher pas­siv sein und ihr Kind nicht dazu drän­gen, sich von ihnen zu ent­fer­nen, son­dern als „siche­rer Hafen“ in der Nähe sein. Die Erzieher*innen neh­men vor­sich­tig über Spiel­an­ge­bo­te Kon­takt zu dem Kind auf, ohne es zu drän­gen.

Erst am vier­ten Tag las­sen die Eltern das Kind pro­be­hal­ber für eine Wei­le allein in der Ein­rich­tung. In die­ser Sta­bi­li­sie­rungs- und Tren­nungs­pha­se ver­ab­schie­den sie sich weni­ge Minu­ten nach der Ankunft im Grup­pen­raum vom Kind, blei­ben aber in der Nähe. Zeigt sich das Kind davon unbe­ein­druckt oder lässt sich nach kur­zem Wei­nen schnell beru­hi­gen, kann die Tren­nung auf drei­ßig Minu­ten aus­ge­dehnt wer­den. Wirkt das Kind nach der Tren­nung jedoch ver­stört, müs­sen Mut­ter oder Vater sofort zurück­ge­holt wer­den. Die Reak­ti­on des Kin­des auf die­sen ers­ten Tren­nungs­ver­such ent­schei­det über die Län­ge der Ein­ge­wöh­nung. Zeigt es sich durch die Tren­nung wenig irri­tiert, ist die Ein­ge­wöh­nung meist nach sechs wei­te­ren Tagen geschafft. Wenn das Kind sehr weint und sich auch von den Erzieher*innen nicht trös­ten lässt, braucht die Ein­ge­wöh­nung mehr Zeit.

Die Schluss­pha­se beginnt, wenn der Nach­wuchs zu den Erzieher*innen ein emo­tio­na­les Band geknüpft hat und sich trös­ten lässt. In die­ser Pha­se ver­las­sen die Eltern die Ein­rich­tung, sind aber jeder­zeit erreich­bar und schnell in der Ein­rich­tung, wenn die Situa­ti­on es ver­langt.

Bauch­ge­fühl und mit­ein­an­der reden

Es gilt fol­gen­de Faust­re­gel: Je sen­si­bler die Ein­ge­wöh­nung abläuft, des­to gerin­ger ist die Belas­tung für alle Betei­lig­ten. In einem Vor­ge­spräch soll­ten Eltern die künf­ti­ge Betreu­ungs­per­son über Beson­der­hei­ten und Bedürf­nis­se ihres Kin­des infor­mie­ren. Im Gegen­zug soll­ten Eltern erfah­ren, wie der Tages­ab­lauf in der Ein­rich­tung ist und wie die Betreu­ungs­per­son und das Kind har­mo­nie­ren. Wenn Eltern den Kon­takt zwi­schen Kind und Erzieher*in posi­tiv und ent­spannt wahr­neh­men, ist eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung erfüllt, um los­las­sen zu kön­nen.

Ganz wich­tig: Eltern soll­ten offen über ihre Wün­sche spre­chen. Hilf­reich ist es auch, die Blick­win­kel und Ver­hal­tens­mög­lich­kei­ten aller Betei­lig­ten auf­zu­zei­gen. Damit die Eltern nicht klam­mern, ist eine gute Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Betreu­ungs­per­so­nen unver­zicht­bar. Nur wer sich auf­ge­ho­ben und ver­stan­den fühlt, kann rich­tig los­las­sen. Beson­ders schwie­rig ist es für Eltern fest­zu­stel­len, ob die Ein­rich­tung zum eige­nen Kind passt, obwohl sie ihnen selbst viel­leicht nicht hun­dert­pro­zen­tig zusagt. Das erfor­dert Fin­ger­spit­zen­ge­fühl.

Kurz­zeit­be­treu­ung in Not­si­tua­tio­nen

Deut­lich weni­ger Zeit für die Ein­ge­wöh­nung hat die Kurz­zeit-Kin­der­be­treu­ung (KuKi), die die Pots­da­mer Kin­der­welt seit 2015 anbie­tet. Das liegt in der Natur der Sache. Das Ange­bot ist als Ergän­zung zur Kin­der­be­treu­ung in der regu­lä­ren Kita gedacht und rich­tet sich folg­lich an Eltern mit Kin­dern, die dar­an gewöhnt sind, eini­ge Stun­den ohne Mut­ter oder Vater zu ver­brin­gen. Es geht bei der KuKi dar­um, Eltern in Not­si­tua­tio­nen zu hel­fen oder wenn Job und Kita-Zei­ten nicht zusam­men­pas­sen. Die Fach­kräf­te der Kin­der­welt kom­men bei Bedarf auch in Unter­neh­men oder nach Hau­se. Für Kin­der, die rela­tiv kurz­fris­tig in die Kurz­zeit-Betreu­ung (in der Regel für vier Stun­den zwi­schen 8 und 20 Uhr) gebracht wer­den, gilt ein ver­kürz­tes Ein­ge­wöh­nungs­mo­dell.

Ein Tref­fen vor­ab mit Eltern, Kind und Päd­ago­gin ist auch in der KuKi Pflicht. Ein­fach so vor­bei­kom­men, das Kind abge­ben und weg­ge­hen gibt es in der KuKi nicht. In der Regel mel­den sich hil­fe­su­chen­de Eltern spä­tes­tens am Vor­tag. Auch für die Kurz­zeit­be­treu­ung wird emp­foh­len, Zeit ein­zu­pla­nen, um eine Wei­le dabei zu blei­ben. Danach soll­ten Eltern selbst­ver­ständ­lich erreich­bar sein.

Für Kin­der, die län­ge­re Zeit in der KuKi sind, gilt das Ber­li­ner Ein­ge­wöh­nungs­mo­dell. Man rich­tet sich dabei nach den Bedürf­nis­sen der Kin­der und plant im Durch­schnitt für die Ein­ge­wöh­nung drei Wochen ein. Da die Kin­der nur eine rela­tiv kur­ze Zeit in der KuKi sind, wird beson­de­rer Wert auf Empa­thie und eine posi­ti­ve Erfah­rung mit Fremd­be­treu­ung gelegt.