Ein­ge­wöh­nung in die Schule

25.08.2020
Foto: clipdealer.de

Wie der Schul­an­fang gelingt

In jedem Som­mer star­tet für meh­re­re Tau­send Kin­der in Pots­dam und Umge­bung ein neu­er Lebens­ab­schnitt. Die Schul­zeit beginnt. Für Kin­der ste­hen in der Regel Vor­freu­de und Neu­gier­de im Mit­tel­punkt, für Eltern bedeu­tet es, ihr Kind wie­der ein biss­chen mehr los­zu­las­sen. Alle müs­sen sich an die neue Situa­ti­on gewöh­nen. Die meis­ten Grund­schu­len haben sich auf ihre „Neu­an­kömm­lin­ge“ gut ein­ge­stellt. In den Wochen vor Schul­be­ginn gibt es in eini­gen Schu­len soge­nann­te „Schnup­per­ta­ge“. Sie die­nen dazu, den Kin­dern ihre zukünf­ti­ge Umge­bung ver­traut zu machen, ihnen zu zei­gen, wie ein Klas­sen­raum aus­sieht und die spä­te­re ört­li­che Ori­en­tie­rung – wo zum Bei­spiel befin­den sich eigent­lich die Toi­let­ten, … – zu erleichtern.

In den ers­ten Schul­wo­chen geht es dann für die Kin­der vor allem dar­um zu erfah­ren und zu erle­ben, was Schu­le bedeu­tet. Meist ist die Klas­se mit Kin­dern aus ver­schie­de­nen Kitas mit ganz unter­schied­li­chen Vor­kennt­nis­sen und Erfah­run­gen zusam­men­ge­setzt. Eini­ge Kin­der beschäf­ti­gen sich in ihrem letz­ten Kin­der­gar­ten­jahr bereits mit Zah­len und Buch­sta­ben und sit­zen län­ge­re Zeit am Tisch, ande­re kom­men damit in der Ein­rich­tung fast nicht in Berüh­rung. Sven­ja Cow­ley, Leh­re­rin an der Pots­da­mer Ger­hart-Haupt­mann-Grund­schu­le, sagt: „Für die Kin­der bringt der Über­gang vom Kin­der­gar­ten zur Schu­le vie­le Ver­än­de­run­gen. Zu Vor­freu­de, Neu­gier und Stolz, nun ein Schul­kind zu sein, mischen sich auch Unsi­cher­heit und Angst.“ Für den neu­en All­tag müss­ten neue Kom­pe­ten­zen, zum Bei­spiel in punc­to Selb­stän­dig­keit und Offen­heit für neue Kon­tak­te zu Lehrer*innen, Erzieher*innen und ande­ren Kin­dern, wachsen.

Manch „alte“ Freund­schaft aus Kita-Zei­ten wird gelöst, weil der Freund oder die Freun­din eine ande­re Schu­le besucht und man sich sel­te­ner sieht oder ande­re Kin­der in den Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit rücken. Das ist eine Situa­ti­on, die sich im künf­ti­gen Leben häu­fi­ger abspie­len wird, aber hier wird sie erst­mals erlebt, und das kann für die Betei­lig­ten irri­tie­rend und auch mal schmerz­haft sein. Da ist das Ein­füh­lungs­ver­mö­gen der Eltern und der ande­ren Bezugs­per­so­nen gefragt. Auch für Eltern ändert sich eini­ges mit dem Schul­be­ginn – sie haben jetzt ein Schul­kind in ihrer Mit­te. Ein neu­er Tages­ab­lauf muss sich eta­blie­ren, das pünkt­li­che mor­gend­li­che Auf­ste­hen ist für vie­le Fami­li­en eine nicht unwe­sent­li­che Hür­de. Vie­le Kin­der sind übri­gens sehr stolz, wenn sie vom eige­nen Wecker geweckt wer­den, das Auf­ste­hen fällt dann gar nicht mehr so schwer. Mal ganz abge­se­hen davon: so wird auch gleich das Able­sen der Uhr­zeit trainiert.

Ein gere­gel­ter Tages­ab­lauf gibt dem Kind Halt und Struk­tur. In den ers­ten Schul­mo­na­ten soll­ten nach­mit­täg­li­che Akti­vi­tä­ten, die wie­der Ter­min­be­fol­gung und das Ein­ord­nen in eine Grup­pe ver­lan­gen, redu­ziert wer­den. Vie­le Kin­der möch­ten ein­fach im Hort mit ihren neu­en Freun­den zusam­men sein. Und wenn Ihr Schul­kind schlicht nur Lust hat, zuhau­se allein Lego zu bau­en – auch in Ord­nung. Es ist gut, wenn Kin­der spü­ren, wann ihre Auf­nah­me­ka­pa­zi­tä­ten für neue Ein­drü­cke erschöpft sind und sich ein­fach mal zurück­zie­hen möch­ten. Eine Fähig­keit, die selbst bei vie­len Erwach­se­nen unzu­rei­chend aus­ge­prägt ist, was zu Stress und Über­for­de­rung füh­ren kann.

Den Päd­ago­gen und Päd­ago­gin­nen kommt bei der Gestal­tung eines guten Schul­starts eine sehr wich­ti­ge Rol­le zu. Sie eröff­nen ver­schie­de­ne Lern­chan­cen, die das behut­sa­me Hin­ein­wach­sen in die neue Lebens­um­welt ermög­li­chen. Sven­ja Cow­ley sagt dazu: „Um erfolg­reich lesen, schrei­ben und rech­nen zu ler­nen, muss sich das Kind im Sozi­al­ver­band sicher füh­len und all­täg­li­che Auf­ga­ben selb­stän­dig erle­di­gen kön­nen.“ Des­halb führt sie zu Beginn bestimm­te Ritua­le und Arbeits­for­men grund­le­gend ein: die täg­li­che Begrü­ßung, den Erzähl­kreis, die Refle­xi­on mit den Kin­dern, das gemein­sa­me Früh­stü­cken und die Pau­se mit den Paten aus der höhe­ren Klas­se zum Bei­spiel. Der Tages­ab­lauf wird mit Sym­bo­len an der Tafel sicht­bar gemacht. Ent­spre­chen­de Spie­le hel­fen, sich unter­ein­an­der bes­ser ken­nen­zu­ler­nen und sozia­le Koope­ra­tio­nen zu för­dern. Und Bewe­gung und Abwechs­lung sei­en in den ers­ten Wochen, aber auch danach, Teil des Unter­richts. Die Kon­zen­tra­ti­ons­span­ne lie­ge bei den Kin­dern zu Beginn bei 10, spä­ter bei 20 Minu­ten. „Ein Wech­sel von Arbeits­for­men sowie Wech­sel zwi­schen Span­nung und Ent­span­nung sind wich­tig“, so Sven­ja Cow­ley. Den Kin­dern soll­te die Mög­lich­keit gege­ben wer­den, selbst aktiv zu sein – bei indi­vi­du­el­ler Hil­fe und Unter­stüt­zung – und das Ler­nen mit Kopf, Herz und Hand im Vor­der­grund stehen.

Kin­der star­ten in ihre Schul­zeit zumeist mit gro­ßer Moti­va­ti­on. Sie machen einen ganz bedeu­ten­den, aber auch kräf­te­zeh­ren­den Schritt in ihrer Ent­wick­lung. Das gilt es zu berück­sich­ti­gen, wenn die täg­li­chen Abläu­fe anfangs holp­rig sind. Ja, es ist ärger­lich, wenn ein Heft ver­lo­ren geht oder eine Müt­ze. Aber es ist ange­sichts des­sen, was Kin­der in ihren ers­ten Schul­wo­chen zu leis­ten haben, durch­aus mög­lich und sicher­lich auch ver­zeih­lich, wenn man eben mal nicht alles im Blick hat­te. Mach dich mit dei­nem Kind auf die Suche, statt es mit Vor­wür­fen zu ver­se­hen. Es ist eine wun­der­ba­re Auf­ga­be, Kin­der bei ihrem Schritt in die neue Lebens­pha­se zu beglei­ten. Ihnen zu ver­trau­en, nahe an ihnen dran zu sein und ein offe­nes Ohr für all ihre Sor­gen zu haben, unter­stützt sie dabei, die­se Her­aus­for­de­rung zu meis­tern. (Aria­ne Linde)