Schla­fen Teil 5: Je müder, des­to hyper­ak­ti­ver

25.08.2020
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Schlaf­stö­run­gen begüns­ti­gen ADHS – und umge­kehrt

Das Kind kommt tage­lang nicht zur Ruhe, zap­pelt her­um, kann sich schlecht kon­zen­trie­ren und neigt zu aggres­si­vem Ver­hal­ten. Abends schläft es regel­mä­ßig schlecht ein. Ob es am Auf­merk­sam­keits-Defi­zit-Hyper­ak­ti­vi­täts-Syn­drom (ADHS) lei­det? „Das kann sein, muss aber nicht sein“, sagt Tho­mas Erler, Ärzt­li­cher Lei­ter und Chef­arzt der Kin­der- und Jugend­kli­nik am Kli­ni­kum West­bran­den­burg in Pots­dam und Lei­ter des Kin­der-Schlaf­la­bors. Über­mü­de­te Kin­der ver­hal­ten sich anders als Erwach­se­ne: „Kin­der sind von Natur aus sehr wiss­be­gie­rig und wol­len die Welt erkun­den. Sie ver­su­chen, ihre Müdig­keit zu über­spie­len. Das mün­det dann in Hyper­ak­ti­vi­tät und wird häu­fig als Anzei­chen für ADHS gedeu­tet.“

Hyper­ak­ti­vi­tät ist sym­pto­ma­tisch für ADHS, sie kann aber auch auf Schlaf­stö­run­gen beru­hen, die eine ganz ande­re Ursa­che haben. „Es ist wis­sen­schaft­lich unge­klärt, ob ADHS ein gestör­tes Schlaf­pro­fil bewirkt“, sagt Erler. Der Zusam­men­hang zwi­schen ADHS und Schlaf­stö­run­gen sei ähn­lich schwer zu beant­wor­ten, wie die berühm­te Fra­ge nach der Hen­ne und dem Ei. „Vie­le Kin­der­psy­cho­lo­gen und Ärz­te der Sozi­al­päd­ia­tri­schen Zen­tren schi­cken Kin­der, bei denen ADHS dia­gnos­ti­ziert wur­de, ins Schlaf­la­bor. Das ist sinn­voll, um abzu­klä­ren, ob die Kin­der even­tu­ell unter Atem­aus­set­zern oder an einer nächt­lich ver­min­der­ten Atmungs­leis­tung lei­den. In bei­den Fäl­len kommt der erhol­sa­me Tief­schlaf zu kurz, was auf Dau­er pro­ble­ma­tisch ist.“ Die Ent­fer­nung der oft­mals ver­grö­ßer­ten Rachen- oder Gau­men­man­deln kann dann Abhil­fe schaf­fen. In sel­te­nen Fäl­len ist das Schla­fen mit einer Mas­ke nötig.

Zu Fehl­dia­gno­sen und fal­schen Behand­lun­gen kann es auch bei der (sehr sel­ten auf­tre­ten­den) Nar­ko­lep­sie kom­men. „Weni­ger als zwei Pro­zent der Erwach­se­nen lei­den unter die­ser Schlaf­krank­heit“, schätzt Erler. „Nar­ko­lep­ti­ker schla­fen mehr­mals am Tag unge­wollt ganz plötz­lich und zu den unmög­lichs­ten Zei­ten ein“, erklärt der Schlaf­me­di­zi­ner. Bei Kin­dern kön­ne das auch im Sit­zen, mit­ten im Spiel oder sogar beim Rad­fah­ren pas­sie­ren. Auch Emo­tio­nen wie Lachen oder Wei­nen pro­vo­zie­ren das plötz­li­che Ein­schla­fen, das auf Außen­ste­hen­de wie ein Anfall wirkt.

Wie vie­le Kin­der unter Nar­ko­lep­sie lei­den, wur­de bis­lang nicht sys­te­ma­tisch erfasst. Lan­ge Zeit wur­de die Schlaf­krank­heit bei Kin­dern gar nicht dia­gnos­ti­ziert, weil die­se sich oft zurück­zo­gen oder sogar ver­steck­ten. Das berich­ten inzwi­schen erwach­se­ne Nar­ko­lep­ti­ker. Eltern mer­ken oft frü­hes­tens im Schul­kind­al­ter, das mit ihrem Nach­wuchs etwas nicht stimmt – etwa, wenn das Kind mehr­mals am Tag ganz plötz­lich ein­schläft. „Wenn Epi­lep­sie oder Autis­mus dia­gnos­ti­ziert wer­den, soll­te man auch an Nar­ko­lep­sie den­ken“, rät Erler. Sonst dro­he eine fal­sche medi­ka­men­tö­se Behand­lung. Das sei inso­fern fatal, als die bei Epi­lep­sie oder Autis­mus ver­ab­reich­te Medi­zin oft beson­ders müde macht. Lei­det ein Kind tat­säch­lich unter Nar­ko­lep­sie, gebe es jedoch gute Mög­lich­kei­ten, die Krank­heit mit sti­mu­lie­ren­den Medi­ka­men­ten in den Griff zu bekom­men. (Maren Herbst)