Jedes Kind hat sein eige­nes Tempo!

05.07.2021
Foto: Aliaksei Lasevich/AdobeStock

Lau­ra ist ver­zwei­felt, ihre klei­ne Toch­ter Sarah ist jetzt fast 2 Mona­te alt, sie schreit sehr viel, schläft schlecht und an man­chen Tagen trinkt sie nur wenig. Oft wirkt sie abwe­send und in sich gekehrt. Ist das nor­mal?, fragt sie sich. Der Kin­der­arzt hat gesagt, sie gedei­he nor­mal, aber am Tag der U‑Untersuchung war Sarah auch unge­wöhn­lich fröh­lich und aufgeweckt.

Mar­co beob­ach­tet sei­nen Sohn Paul auf dem Spiel­platz im Sand­kas­ten, er krab­belt lächelnd vor sich hin. Ein klei­nes Mäd­chen spricht ihn an und will ihm ihre Schau­fel geben. Er schaut hoch und krab­belt dann wei­ter. Wie alt mag das Mäd­chen wohl sein?, über­legt Mar­co und fragt die Mut­ter, die nicht unweit sitzt – „18 Mona­te“, sagt die Mut­ter stolz. „Das war der Moment, in dem ich mich wirk­lich erschro­cken habe“, erzählt Mar­co spä­ter sei­ner Frau. „Sie war genau­so alt wie unser Sohn und er war das Baby und sie ein fröh­lich brab­beln­des, umher­ren­nen­des Klein­kind, das Kon­takt such­te. Stimmt etwas mit unse­rem Sohn nicht?“ Er liebt sei­nen Sohn, sei­ne ruhi­ge fröh­li­che Art, aber die­ses Erleb­nis geht ihm nicht aus dem Kopf.

Pepe ist ein quir­li­ger, fröh­li­cher Drei­ein­halb­jäh­ri­ger. Er hat vie­le Freun­de im Kin­der­gar­ten, in den er sehr ger­ne geht. Doch eines fällt der Erzie­he­rin bald auf: Pepe spricht wenig und wenn, dann so undeut­lich, dass man ihn kaum ver­steht. Die Erzie­he­rin beschließt, die Eltern im nächs­ten Gespräch dar­auf auf­merk­sam zu machen.

Jedes Kind ent­wi­ckelt sich in sei­nem eige­nen Tem­po. Kind­li­che Ent­wick­lung ist ein Ergeb­nis von gene­ti­schen Ver­an­la­gun­gen und Umwelt­ein­flüs­sen wie Erzie­hung, aber auch kör­per­li­chen Ein­flüs­sen wie den Umstän­den der Geburt, Ernäh­rung, Bewe­gung etc. All dies bestimmt den Rah­men der Mög­lich­kei­ten zur Ent­wick­lung, zur Rei­fung und des Ler­nens. Die Vari­anz des soge­nann­ten „Nor­ma­len“ ist ins­ge­samt ziem­lich groß. Es gibt Kin­der, die ler­nen zum Bei­spiel mit 10 Mona­ten Lau­fen und ande­re erst mit 20 Mona­ten. Wo das eine Kind in der Krab­bel­grup­pe schon auf allen Vie­ren die Welt erkun­det, kann das ande­re noch wie Karl der Käfer auf dem Rücken lie­gen und noch kei­ne Anstal­ten machen, sich zu dre­hen. Das alles kann eine ganz nor­ma­le – also dem Durch­schnitt­li­chen ent­spre­chen­de – Ent­wick­lung sein. Eltern ste­hen jedoch häu­fig unter einem gro­ßen Druck, wenn Kin­der mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, und machen sich ent­spre­chend Sor­gen, ob ihr Kind sich gesund und alters­ge­mäß entwickelt.

Bei den U‑Untersuchungen des Kin­der­arz­tes wird anhand der soge­nann­ten „Grenz­stei­ne der Ent­wick­lung“ abge­klärt, ob die Ent­wick­lung des Kin­des im Rah­men des „Nor­ma­len“ liegt oder ob eine Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­rung oder ‑stö­rung vor­liegt. Soll­te Letz­te­res der Fall sein, ver­wei­sen Ärzt*­innen wei­ter zur Früh­för­de­rung, zu Logo­päd*innen, Physiotherapeut*innen oder ande­ren Fachleuten.

Doch manch­mal sor­gen sich Eltern den­noch und möch­ten ger­ne auch außer­halb der U‑Untersuchungen klä­ren, ob mit ihrem Kind alles in Ord­nung ist. „Wir fin­den es wich­tig, dass die Eltern sich immer dann einen Rat holen kön­nen, wenn sie ver­un­si­chert sind. Sie sol­len ger­ne vie­le Fra­gen stel­len und kei­ne Hem­mun­gen haben, sich an eine Bera­tung zu wen­den. Auch in Erzie­hungs­fra­gen“, so Bär­bel Der­ksen vom Fami­li­en­zen­trum „Vom Säug­ling zum Klein­kind“ an der Fach­hoch­schu­le Pots­dam. „In unse­re Bera­tungs­stel­le kom­men oft Eltern, deren Babys soge­nann­te Regu­la­ti­ons­stö­run­gen haben, die bei­spiels­wei­se viel schrei­en, nachts nicht schla­fen, hef­tig trot­zen oder sehr schüch­tern sind. Die Grün­de dafür kön­nen viel­fäl­tig sein: Tem­pe­ra­ment, Bezie­hungs­pro­ble­me in der Fami­lie, wie der Wech­sel vom Paar zur Fami­lie, Eltern, die noch sehr jung sind, oder es gibt auch orga­ni­sche Ursa­chen.“ Die Bera­tungs­stel­le mit dem Schwer­punkt „Frü­he Ent­wick­lung“ rich­tet sich an Eltern von Kin­dern im Alter von 0 bis 3 Jah­ren und ihr Ange­bot reicht vom Beglei­ten über Bera­ten bis hin zu Metho­den der Säug­lings­the­ra­pie – in Ein­zel­fäl­len wird auch Ent­wick­lungs- oder Bezie­hungs­dia­gnos­tik durchgeführt.

Direkt nach der Geburt setzt das Ange­bot der Fami­li­en­heb­am­men und Fami­li­en-Gesund­heits-Kin­der­kran­ken­pfle­ge­rin­nen (FGKi­KP) in Pots­dam an. Anfra­gen für Früh­ge­bo­re­ne kom­men in der Regel über die Gebur­ten­sta­tio­nen oder über die sozi­al­me­di­zi­ni­sche Nach­sor­ge, wenn die Fami­lie hier­über bereits ver­sorgt wird. Aber auch schon vor der Geburt wer­den Anträ­ge gestellt, zum Bei­spiel über die Schwan­ger­schafts­be­ra­tungs­stel­len, wenn abseh­bar ist, dass die Fami­lie all­ge­mein Unter­stüt­zung benö­ti­gen kann. Die Berei­che gesun­de Ent­wick­lung, Frühförde­rung und Früh­erken­nung wer­den bei der Beglei­tung der Fami­lie natür­lich immer im Blick behal­ten und oft wird die Unter­stüt­zung benö­tigt, um die Eltern zu beglei­ten, zum Bei­spiel zum Kin­der­arzt, zur Früh­för­der­stel­le oder ins Sozial­pädiatrische Zen­trum (SPZ). Im Rah­men der Frü­hen Hil­fen kann die Fami­lie hier bis zum 3. Geburts­tag des Kin­des unter­stützt werden.

Die Kin­der- und Jugendmediziner*­innen spie­len bei der frü­hen Dia­gno­se von Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen eine zen­tra­le Rol­le, von daher soll­test du kei­ne U‑Untersuchung ver­pas­sen. Und soll­test du unsi­cher sein, lass dich am bes­ten bera­ten. Bera­tungs­an­ge­bo­te in Pots­dam und Umge­bung, wie Früh­för­der­stel­len, Fami­li­en­zen­tren, Neu­ro-Päd­ia­trie, Frü­he Hil­fen, Heb­am­men, Kin­der- und Jugendmediziner­innen und mehr fin­dest du in unse­rem Fami­li­en­bran­chen­buch.

Lau­ra hat sich an die Eltern­be­ra­tung im Fami­li­en­zen­trum Schwie­low­see ge­wendet und sich danach auf Emp­fehlung noch mal ganz genau mit ihrem Kin­der­arzt bespro­chen, der sie an eine Phy­sio­the­ra­peu­tin über­wie­sen hat, da er Blo­cka­den im Wir­bel­be­reich fest­ge­stellt hat.

Mar­co und sei­ne Frau haben sich mit ihrer Kin­der­ärz­tin bespro­chen, die nach ver­schie­de­nen Ent­wick­lungs­tests die bei­den ans SPZ in Pots­dam über­wie­sen hat, wo eine sel­te­ne gene­ti­sche Erkran­kung fest­ge­stellt wur­de. Nach dem ers­ten Erschre­cken sind sie jetzt froh, die Dia­gno­se zu ken­nen, und Paul bekommt die nöti­ge För­de­rung. „Wir lie­ben unser Kind so, wie es ist“, sagt Mar­co, „aber das Ver­glei­chen hat auf­ge­hört – Paul ist ein­fach Paul!“

Auf Emp­feh­lung der Kita-Erzie­he­rin haben Pepes Eltern die Bera­tung einer Früh­för­der­stel­le auf­ge­sucht und Pepe geht jetzt zur Sprach­the­ra­pie, um sei­ne Sprach­ent­wick­lungs­ver­zö­ge­rung noch vor Schul­be­ginn aufzuholen.