Strei­ten und Ver­tra­gen
So unter­stüt­zen wir klei­ne Kin­der dabei!

07.01.2022
Foto: Andrey Kuzmin/AdobeStock

Der ers­te Satz, den man zum The­ma Streit zwi­schen Kin­dern oft hört ist „Lass das doch die Kin­der unter sich aus­ma­chen“. Doch ist das wirk­lich die bes­te Lösung? Wir haben mit Ulri­ke Wolf – Media­to­rin und Dozen­tin unter ande­rem an der Volks­hoch­schu­le Pots­dam – gespro­chen und sie gefragt, ob sie die­sen Satz für ange­mes­sen hält. „Da ant­wor­te ich mit einem kla­ren Jein. Strei­ten ist für Kin­der eine ganz gro­ße Lern­chan­ce und wir Erwach­se­nen soll­ten ihnen die­se Chan­ce nicht weg­neh­men, indem wir uns gleich über­all ein­mi­schen“, meint sie. „Doch natür­lich gibt es auch Grenzen …“

Kon­flik­te gehö­ren zum Leben!

Dort, wo Men­schen auf­ein­an­der­tref­fen, gibt es immer wie­der unter­schied­li­che Bedürf­nis­se. Und die­se wider­spre­chen sich manch­mal, dann muss dies aus­ge­han­delt wer­den. Auch Streit ist eine Art Aus­hand­lungs­pro­zess. Bei klei­nen Kin­dern bedeu­tet das viel­leicht: Es gibt die­sen einen Las­ter, den sowohl Paul als auch Marie haben möch­ten, und so strei­ten sie sich eben um ihn.

Wir Eltern möch­ten, dass es für unse­re Kin­der mög­lichst gerecht zugeht und sind mit dem Argu­ment „Das ist aber unge­recht“ meist leicht zu krie­gen. Wenn Paul und Marie sich um den Las­ter strei­ten und Marie ihn dem jün­ge­ren Paul ein­fach weg­nimmt, dann kann es unser ers­ter Impuls sein, gleich ein­zu­grei­fen – denn das ist unfair. Paul hat­te den Las­ter und Marie ist auch noch älter … Doch wir soll­ten etwas Geduld auf­brin­gen und schau­en, ob die bei­den das gere­gelt bekom­men. Sie haben jetzt die Chan­ce dazu!

Dabei spielt auch noch ein zwei­ter Aspekt eine Rol­le: Das Leben ist weder immer gerecht noch fair und es ist im Prin­zip kei­ne schlech­te Erfah­rung für Kin­der, in einem gewis­sen Maße Unge­rech­tig­keit und Frus­tra­ti­on aus­zu­hal­ten – es macht sie wider­stands­fä­hi­ger („Resi­li­enz“ spielt da eine Rol­le, übri­gens The­ma der PotsKids!-Februarausgabe). Daher soll­ten wir uns nicht zwin­gend ein­mi­schen, wenn Marie den Las­ter ein­fach behält und Paul sich frus­triert ein ande­res Fahr­zeug nimmt.

Es gibt aller­dings auch Momen­te, in denen wir unbe­dingt ein­grei­fen soll­ten. Wenn Gewalt im Spiel ist oder wenn es wie­der­holt das­sel­be Kind trifft und die Situa­ti­on sich in Rich­tung Mob­bing ent­wi­ckelt, ist ein Ein­grei­fen von Erwach­se­nen unbe­dingt erfor­der­lich! Auch wenn die Macht­un­ter­schie­de sehr groß sind und ein Kind dies (gewalt­sam) aus­nutzt. Und natür­lich, wenn der Streit kein Ende fin­det oder immer wie­der auf­fla­ckert. Wenn es aber immer einen höhe­re Instanz gibt, die dafür sorgt, dass alles ganz gere­gelt und gerecht zugeht, ler­nen Kin­der nicht, ihre Kon­flik­te selbst zu regeln, für sich selbst ein­zu­tre­ten, ande­re Bedürf­nis­se zu berück­sich­ti­gen oder auch mal Unge­rech­tig­kei­ten auszuhalten.

War­um sind Streit­si­tua­tio­nen so eine gro­ße Lern­chan­ce für klei­ne Kinder?

Im Streit geht es immer auch um Freund­schaft und Bezie­hun­gen, um Selbst­wirk­sam­keit und Fremd­wahr­neh­mung, dar­um, sich in ande­re hin­ein­zu­ver­set­zen und auch mal Frust zu erle­ben. Alles sozia­le Fer­tig­kei­ten, die zu einem guten Zusam­men­le­ben beitragen.

Auch Kin­der strei­ten und ver­tra­gen sich wie­der, so ist das in Bezie­hun­gen nun mal. Und da klei­ne Kin­der eine viel kür­ze­re Auf­merk­sam­keits­span­ne haben, kön­nen sie oft nach einem Streit bald wie­der zusam­men spie­len. Bei ihnen ist ein Streit immer heiß und unmit­tel­bar, mit vie­len Emo­tio­nen gespickt und des­halb viel­leicht auch ganz schön laut, solan­ge er währt. Sel­ten sind jun­ge Kin­der nachtragend.

Ins­be­son­de­re klei­ne Kin­der sind zunächst ein­mal ego­zen­trisch, sehen sich selbst als Mit­tel­punkt und neh­men nur sich und ihre Bedürf­nis­se wahr: „Ich will den Las­ter und zwar jetzt!“. Wich­tig: Das geschieht ganz sicher nicht aus Bös­ar­tig­keit, son­dern weil klei­ne Kin­der erst ler­nen müs­sen, sich in ande­re hin­ein­zu­ver­set­zen. Die­sen soge­nann­ten „Per­spek­ti­ven­wech­sel“ schaf­fen sie ent­wick­lungs­mä­ßig erst ab einem bestimm­ten Alter – so unge­fähr mit vier Jah­ren. Aber der Weg dort­hin geht schon frü­her los. Und unse­re Auf­ga­be ist es, die Kin­der dabei zu unterstützen.

In Streit­si­tua­tio­nen spie­len Gefüh­le immer eine gro­ße Rol­le. Daher soll­ten Kin­der im ers­ten Schritt ler­nen, sich ihrer eige­nen Bedürf­nis­se und Gefüh­le bewusst zu wer­den – also ihre eige­ne Innen­welt zu ken­nen – und sie aus­zu­drü­cken. Erst dann sind sie bereit, die­se auch bei ande­ren wahr­zu­neh­men. Wenn Erwach­se­ne im Streit ver­mit­teln müs­sen, dann ist es gut, die Kin­der nach ihren Gefüh­len und Bedürf­nis­sen zu fra­gen: „Bist du wütend, weil du den Las­ter auch haben möch­test?“ oder „Ich habe den Ein­druck, du bist wütend, weil du den Las­ter auch haben möch­test, stimmt das?“.

Wie ler­nen Kin­der eine gute Streit­kul­tur? Und was kön­nen wir Erwach­se­nen dazu beitragen?

Wir Erwach­se­nen sind den Kin­dern wich­ti­ge Vor­bil­der und ver­mit­teln ihnen dadurch unse­re eige­ne Streit­kul­tur. Gehen wir selbst Streit um jeden Preis aus dem Weg, hal­ten wir es nicht gut aus, wenn es unhar­mo­nisch wird? Oder strei­ten wir laut und emo­tio­nal? Unse­re eige­nen Bedürf­nis­se – auch die nach Har­mo­nie oder Gerech­tig­keit – spie­len dabei eine gro­ße Rol­le. Nein, wir soll­ten Strei­ten nicht als läs­ti­ges Übel betrach­ten. Klar, Streit ist oft anstren­gend. Und wenn wir unse­re Kin­der sich laut­hals strei­ten las­sen, kann das sehr ner­vend sein und unse­re eige­ne Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz auf die Pro­be stellen.

Als Erwach­se­ne soll­ten wir den­noch die emo­tio­na­le Distanz bewah­ren und unpar­tei­lich für alle am Streit betei­lig­ten da sein. Dabei soll­ten wir auch auf unse­re Kör­per­hal­tung ach­ten: Wenn nur eines der Kin­der zum Trös­ten in den Arm genom­men wird, wird das von bei­den Kin­dern mit hoher Wahr­schein­lich­keit als Par­tei­nah­me aus­ge­legt wer­den. Also am bes­ten zu bei­den Kin­dern die glei­che Nähe bzw. Distanz einnehmen.

Wenn wir in einem Streit ver­mit­teln, ist es wich­tig, alle am Streit betei­lig­ten Kin­der bei der Lösung ein­zu­be­zie­hen. „Was kön­nen wir machen, um das Pro­blem zu klä­ren?“ Nur so ler­nen sie, nach Lösun­gen zu suchen und dann Pro­ble­me selbst anzu­ge­hen. Viel­leicht erschei­nen uns die Lösungs­vor­schlä­ge der Kin­der manch­mal merk­wür­dig, aber wenn bei­de damit ein­ver­stan­den sind, ist der Streit been­det. Fällt den Kin­dern jedoch nichts ein oder kön­nen sie sich noch nicht so gut aus­drü­cken, dann bit­te trotz­dem nicht über ihre Köp­fe hin­weg die Lösung vor­ge­ben, son­dern zum Bei­spiel fra­gen: „Darf ich einen Vor­schlag machen, wie ihr das lösen könnt?“. Wenn so ein Vor­schlag für gut befun­den wird, ist das die Lösung für jetzt.

Lang­fris­tig gese­hen kann man ins­be­son­de­re in Grup­pen natür­lich auch Streit­re­geln gemein­sam aus­han­deln, zum Bei­spiel die „Stopp-Regel“, nach der ande­re auf­hö­ren müs­sen bei Ran­ge­lei­en, wenn ein Kind „Stopp“ sagt. Die­se Regeln kann man gemein­sam mit den Kin­dern erar­bei­ten und als Bil­der dar­stel­len. Dabei soll­ten die Kin­der die­se Regeln weit­ge­hend selbst ent­wi­ckeln und im Lau­fe der Zeit kön­nen sie ergänzt und ver­än­dert werden.

Paul und Marie haben sich übri­gens recht schnell dar­auf geei­nigt, dass Marie den Las­ter nimmt und Paul den Bag­ger und sie zusam­men an der Bau­stel­le arbeiten!

7 Tipps, um Kin­der beim Strei­ten zu unterstützen

Erst ein­mal schau­en
Schaue dir die Streit­si­tua­ti­on erst ein­mal an, bevor du sofort ein­greifst. Kön­nen das die Kin­der unter sich lösen? Han­deln ist nur erfor­der­lich, wenn Gewalt ins Spiel kommt oder ein Kind immer den Kür­ze­ren zieht. Dass es nicht immer gerecht zugeht, ist nicht unbe­dingt ein Grund einzugreifen.

Unpar­tei­isch blei­ben
Blei­be unbe­dingt neu­tral und ergrei­fe nicht Par­tei. Das gilt ins­be­son­de­re auch für die Kör­per­hal­tung: Wenn nur eines der Kin­der zum Trös­ten in den Arm genom­men wird, wird das von bei­den Kin­dern mit hoher Wahr­schein­lich­keit als Par­tei­nah­me aus­ge­legt wer­den. Am bes­ten zu bei­den Kin­dern die glei­che Nähe bzw. Distanz einnehmen.

Gefüh­le benen­nen
Sprich die Gefüh­le und Bedürf­nis­se, die dei­ner Mei­nung nach die Kin­der zum Strei­ten bewegt haben, an: „Ich habe den Ein­druck, du bist sau­er, weil Marie dir den Bag­ger weg­ge­nom­men hat, oder?“. Damit stärkst du die Ent­wick­lung der Kin­der hin zur Selbst­wahr­neh­mung und zur Eigen­kom­pe­tenz in Sachen Konfliktlösung.

Die Kin­der Lösun­gen fin­den las­sen
Reg­le den Streit nicht für die Kin­der, indem du die Lösung vor­gibst. Lass die Kin­der mög­lichst selbst eine gemein­sa­me Lösung fin­den – selbst wenn sie dir nicht wie eine wirk­li­che Lösung erscheint.

Vor­schlä­ge machen statt Rat­schlä­ge geben
Wenn den Kin­dern kei­ne Lösungs­mög­lich­keit ein­fällt, fra­ge, ob du etwas vor­schla­gen kannst.

Zeit im Blick haben
Beden­ke, dass klei­ne Kin­der eine kur­ze Auf­merk­sam­keits­span­ne haben – kei­ne aus­führ­li­chen Dis­kus­sio­nen an die­ser Stelle!

Den Streit abschlie­ßen
Fra­ge am Schluss, ob damit der Streit been­det ist und dann kön­nen alle wie­der ihrer Wege gehen.