Vor­le­sen – eine Insel der Geborgenheit

02.12.2020
Foto: AdobeStock/Lev Dolgachov

Der 6‑jährige Phil­lip und sei­ne 4‑jährige Schwes­ter Marie freu­en sich jeden Abend dar­auf, dass ihre gro­ße Schwes­ter Sophie ihnen vor­liest. Das ist seit zwei Jah­ren ein fes­tes Ritu­al. Sophie, bei der eine leich­te Lese-Recht­schreib-Schwä­che dia­gnos­ti­ziert wur­de, fiel es am Anfang gar nicht so leicht, den bei­den vor­zu­le­sen, aber sie soll­te es üben und ihre Mut­ter hat­te vor­ge­schla­gen, das Abend­ritual zu übernehmen.

Am Anfang las sie nur weni­ge Sät­ze, die in Papp­bil­der­bü­chern vor­ka­men. Die Begeis­te­rung der bei­den jün­ge­ren Geschwis­ter hat Sophie jedoch bald ange­steckt und die Beschäf­ti­gung mit den Büchern wur­de immer inten­si­ver. Sie spra­chen über die Bil­der im Buch und lang­sam wur­den die Geschich­ten län­ger und Sophie fing an, Dia­lo­ge mit ver­stell­ter Stim­me zu lesen. Ihre Geschwis­ter hat es gar nicht gestört, dass sie manch­mal län­ger für einen Satz brauch­te oder noch mal anfan­gen muss­te – sie haben sich ein­fach gefreut, Zeit mit ihrer gro­ßen Schwes­ter zu verbringen.

Dann begann Sophie, die Bücher selbst aus­zu­su­chen – am liebs­ten mag sie näm­lich Feen­ge­schich­ten und Pet­ters­son und Fin­dus – das hat­te ihr Vater ihr als klei­nes Kind vor­ge­le­sen. Jetzt müs­sen die Eltern die drei manch­mal dar­an erin­nern, dass es nun wirk­lich Zeit zum Schla­fen­ge­hen ist!


Geschich­ten aus Büchern eröff­nen Kin­dern ande­re Wel­ten und las­sen sie sich in ande­re Wesen hin­ein­ver­set­zen und deren Aben­teu­er mit­er­le­ben. Aller­dings bie­tet eine vor­ge­le­se­ne Geschich­te mehr als nur ein Hör­erleb­nis oder eine Beschäf­ti­gung für das Kind. Beim Vor­le­sen – ins­be­son­de­re in der Fami­lie – geht es immer auch um die Bezie­hung zuein­an­der und das inter­ak­ti­ve Mit­ein­an­der. Vor­le­sen stärkt die Bin­dung der Familienmitglieder.

Man taucht gemein­sam in die Welt der Fan­ta­sie ein und erlebt Aben­teu­er. Span­nung ist für jün­ge­re Kin­der bes­ser aus­zu­hal­ten, wenn jemand dabei ist, der beru­hi­gen und mit dem man wäh­rend oder nach der Geschich­te über die­se spre­chen kann. Zudem ist die gemein­sa­me Lese­zeit oft beson­ders kusche­lig und gemüt­lich, und nicht sel­ten ent­wi­ckeln sich gemein­sa­me Sprach­bil­der aus der Welt der Lieb­lings­ge­schich­ten: Wenn in Sophies Fami­lie mal etwas ver­misst wird, sind sich alle einig, dass da wohl die Muck­las am Werk gewe­sen sein müs­sen, die klei­nen Wesen, die in Pet­ters­sons Haus woh­nen und gern Din­ge verstecken.

Kein Kind ist zu klein zum Vor­le­sen – damit begin­nen, gemein­sam Bil­der zu betrach­ten, kann man schon mit weni­gen Mona­ten. Und Vor­le­sen ist nicht nur etwas für klei­ne Kin­der, die noch nicht selbst lesen kön­nen – auch Schul­kin­der mögen es oft noch, wenn am Abend gemein­sam (vor-)gelesen wird – jetzt viel­leicht abwechselnd.

Es gibt mitt­ler­wei­le vie­le gute Apps zum Vor­le­sen sowie schö­ne und wun­der­ba­re Hör­bü­cher, die Kin­der sich ger­ne anhö­ren und die eben­falls die Lese­freu­de stär­ken und Kom­pe­ten­zen för­dern kön­nen. Doch die Momen­te des gemein­sa­men Lesens soll­ten sie nicht erset­zen, son­dern ergän­zen. Die ers­te Moti­va­ti­on, zu einem Buch zu grei­fen, geht meist von der Fami­lie aus. Ob die Eltern vom Tablet, Smart­pho­ne oder Buch vor­le­sen, ist nicht ent­schei­dend, son­dern, dass über­haupt gemein­sam gele­sen wird. Und selbst, wenn die Vor­le­se­mo­men­te nur weni­ge Minu­ten lang sind, ist das bes­ser, als gar nicht vorzulesen.

Lese­freu­de und die sich dar­aus ent­wi­ckeln­de Lese­kom­pe­tenz tra­gen wesent­lich zum schu­li­schen Erfolg von Kin­dern bei – das ist schon lan­ge bekannt. Es gibt eini­ge Ver­an­stal­tun­gen und Initia­ti­ven, die dies unter­stüt­zen möch­ten, zum Bei­spiel die Lese­pa­ten, das Bücher­pick­nick im Volks­park, den Welt­vor­le­se­tag und natür­lich regel­mä­ßi­ge Ange­bo­te der Stadt- und Landesbibliothek.

Ins­be­son­de­re in der Vor­weih­nachts­zeit schafft das gemein­sa­me Lesen eine Insel der Gebor­gen­heit. Man kommt zur Ruhe und lauscht einer Geschich­te. Vor­le­sen kann ins­be­son­de­re in die­ser Zeit, in der phy­si­sche Distanz ange­sagt ist, Nähe schaf­fen. So kön­nen Groß­el­tern ihren Enkeln jeden Tag eine Advents­ge­schich­te über Zoom oder am Tele­fon vor­le­sen. Oder die Kin­der den Groß­el­tern. Das ist auch Phil­lips Plan – ande­ren vor­zu­le­sen. Er ist sehr stolz dar­auf, dass er schon eini­ge Buch­sta­ben lesen und schrei­ben kann und hat schon Bücher aus­ge­sucht, die er abends für sei­ne Fami­lie lesen will – wie sei­ne gro­ße Schwester!


7 Grün­de war­um man sei­nen Kin­dern vor­le­sen sollte

Eltern sind Vor­bil­der – wenn sie ger­ne (vor-)lesen, steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass die Kin­der es auch ger­ne tun.

Der Wort­schatz wird durchs (Vor-)lesen ver­grö­ßert und die Konzentrations­fähigkeit gesteigert.

Fan­ta­sie­vol­le Geschich­ten erwei­tern das Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und för­dern die Kreativität.

Geschich­ten und Sach­bü­cher hel­fen dabei, sich mit ver­schie­de­nen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Auch für schwie­ri­ge Fami­li­en­the­men, wie Krank­heit, Kon­flik­te, Tod, gibt es tol­le (Sach-)Bücher.

Geschich­ten machen es mög­lich, in ande­re Cha­rak­te­re ein­zu­tau­chen, dadurch wer­den Empa­thie sowie sozia­le und emo­tio­na­le Kom­pe­ten­zen gefördert.

Kin­dern, denen viel vor­ge­le­sen wird, fällt das Lesen- und Schrei­ben­ler­nen in der Regel leichter.

Bücher, und nicht nur Sach­bü­cher, machen neu­gie­rig auf ganz neue The­men. Die kön­nen gemein­sam wei­ter erkun­det wer­den. Je nach The­ma in der Natur, krea­tiv – oder mit­tels wei­te­rer Bücher. Gemein­sa­me The­men kön­nen auch in schwie­ri­gen Pha­sen eine Ver­bin­dung schaffen.

Vor­le­se-Tipps

Der Lese­hund
Damit jedes Kind sein Poten­zi­al ent­fal­ten kann, besu­chen ehren­amt­li­che Lese­hund-Teams regel­mä­ßig Grund­schu­len. Kind und Johan­ni­ter-Lese­hund sit­zen in einem gemüt­lich ein­ge­rich­te­ten Raum anein­an­der geku­schelt auf einem Sofa. Das Kind kann ent­span­nen und dem Hund in sei­nem Tem­po vor­le­sen.
Infos: www.johanniter.de/rv-pmf/lesehund

Stif­tung Lesen
Die „Vor­le­seideen für die Kita und zu Hau­se“ bie­ten jede Woche neue Buch‑, Medi­en- und Akti­ons­tipps. Prak­tisch auf­be­rei­tet – als Ein­sei­ter zum Aus­dru­cken.
Infos: www.vorleseideen.de

Die Kin­der­welt der Stadt- und Lan­des­bi­blio­thek Potsdam

Mit ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tungs­rei­hen in der Kin­der­welt för­dert die Stadt- und Lan­des­bi­blio­thek die Lese- und Sprach­fä­hig­kei­ten von Kin­dern als wesent­li­che Schlüs­sel­kom­pe­ten­zen. Dazu gehört regel­mä­ßi­ges Vor­le­sen für Kita- und Vor­schul­kin­der, aber auch die Begeg­nung mit Auto­r*innen für die Grund­schul­kin­der, genau­so wie Ein­füh­run­gen in die Biblio­theks­nut­zung. Zur Zeit kann das Ange­bot auf­grund der Covid-19-Situa­ti­on lei­der nicht statt­fin­den, wird jedoch sobald wie mög­lich wie­der aufgenommen.

Die „Sams­tags­vor­le­ser“
In der Haupt­bi­blio­thek und Zweig­biblio­thek Am Stern kön­nen Kin­der ab 4 Jah­ren jeden Sams­tag span­nen­den Geschich­ten lau­schen, gele­sen von den ehren­amt­li­chen Vorlesepat*innen der Biblio­thek. Beliebt sind auch Bil­der­buch-Kino und Kamishibai.

Lese­start mit LUPE
Lese­för­de­rung in klei­ner, gemüt­li­cher Run­de für Eltern und ihre 3‑jährigen Kin­der mit Mas­kott­chen Lese­wolf LUPE zum gemein­sa­men Erle­ben von Büchern.

Vor­le­sen um vier für Kin­der ab vier
Span­nen­de Geschich­ten für Kin­der ab 4 Jah­ren vor­ge­le­sen von ehren­amt­li­chen Vorlesepat*innen der Bibliothek.

Grundschüler*innen tref­fen Autorin­nen
Regel­mä­ßi­ge Buch­vor­stel­lun­gen mit Lesung und Gespräch für Kin­der von der 1. bis 6. Klas­se (Haupt­bi­blio­thek und Zweig­biblio­the­ken). Die Kin­der ler­nen haut­nah Autor*innen mit ihren Büchern ken­nen und erfah­ren, wie eine Geschich­te ent­steht und was einen Schrift­stel­ler ausmacht.

Die Pots­da­mer Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur­ta­ge
Eine Koope­ra­ti­on mit dem Jugend­amt der Stadt Pots­dam. Der Herbst­treff­punkt für klei­ne und gro­ße Bücherfreunde.

Biblio­theks-Ein­füh­run­gen
Für Kin­der unter­schied­li­cher Altersgruppen.

Für 2021 plant die SLB digi­ta­le Lesun­gen.
www.bibliothek.potsdam.de