Das Familienmagazin für Potsdam und Umgebung

Unser Poki sagt Hallo!

Das Familienmagazin für Potsdam und Umgebung

„Mehr Geld für Eltern“ – diesen Wunsch hegen sicherlich viele Familien, denn Kinder großzuziehen, kostet viel Geld und ist in den meisten Fällen finanziell abträglich für die Altersversorgung im Vergleich zu Menschen, die keine Kinder haben. Das Armutsrisiko, nicht nur von Alleinerziehenden, erhöht sich statistisch, je mehr Kinder zu versorgen sind. Daher ist „Mehr Geld für Eltern“ auch eine politische Forderung. Sie möchte diesen Nachteil ausgleichen und dem für den Erhalt unserer Gesellschaft so wichtigen Aspekt, sich um den Nachwuchs zu kümmern, mehr Wertschätzung – auch in finanzieller Hinsicht – entgegenbringen. „Mehr Geld für Eltern“ beinhaltet hier aber auch Informationen und Impulse, wie Eltern zu mehr Geld im Familienportemonnaie kommen oder wie sich Geld sparen lässt und wo man sich vielleicht Unterstützung organisiert.

Wir möchten aber auch das Thema Armutsgefährdung in Potsdam beleuchten und haben dazu zwei Interviews geführt.

Was können wir uns noch leisten?

Wenn wir über Geld sprechen, dann reden wir natürlich auch davon, was Geld ermöglicht: Teilhabe am kulturellen und sozialen Leben, Konsum und ein Gefühl von Sicherheit – für die eigene Zukunft und die unserer Kinder. Und dann müssen wir darüber sprechen, was passiert, wenn das Geld nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung steht.

Ist das Geld knapp, wird einem meist dazu geraten, sich zunächst einen Überblick über die eigenen Finanzen zu verschaffen, ein Haushaltsbuch zu führen, Einnahmen und Ausgaben aufzulisten und zu priorisieren … Und wenn das Geld knapp ist, ist es sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, wie man mit dem Mangel umgeht. Es gibt eine Reihe Bücher, Apps und dergleichen, die einen dabei unterstützen können. Doch selbst die beste Organisation der eigenen Finanzen führt nicht dazu, dass man am Ende des Tages wirklich mehr Geld hat, wenn man mit dem vorhandenen nicht oder nur knapp alle Lebenshaltungskosten decken kann.

Der finanzielle Mangel und der damit entstehende Druck sind längst auch bei Familien angekommen, die sich selbst gar nicht als armutsgefährdet einschätzen. Wenn beide Eltern arbeiten und Geld verdienen, wie kann es dann sein, dass es dennoch oft nicht reicht für eine Woche Urlaub, das zweite Paar Schuhe fürs Kind, das Tablet für die Schule oder die Ausgaben für die Klassenfahrt? Wo das Geld nur knapp reicht, kann schon eine kaputte Waschmaschine oder gar die Erkrankung eines Familienmitglieds den finanziellen Druck so sehr erhöhen, dass es einem schlaflose Nächte bereitet. Kann der Musikunterricht noch bezahlt werden oder das Feriencamp im Sommer? Was können wir uns noch leisten? Schaffen wir das finanziell noch?

Wenn man bei diesem Gedanken angekommen ist, ist es vielleicht Zeit, sich zu überlegen, ob man sich zur eigenen finanziellen Situatuion beraten lässt, denn es gibt zahlreiche Beratungs- und auch Unterstützungsangebote in Potsdam und Umgebung – für Krisensituationen, aber auch ganz allgemein, um sich zu informieren, was einem rechtlich eigentlich zustehen würde. Wir haben einige Beratungsangebote zusammengestellt und weitere findet ihr auf unserer Webseite!

Sich Unterstützung zu holen, fällt den meisten Menschen nicht leicht. Vor allem Scham und Versagensgefühle halten viele davon ab, rechtzeitig aktiv zu werden, bis der finanzielle und emotionale Druck oftmals so groß ist, dass es nicht mehr weitergeht. Doch wir möchten alle dazu ermutigen, diesen Schritt zu gehen, wenn er notwendig scheint, denn …

Das steht euch zu!

Wohngeld
In Potsdam und Umgebung verschärfen die meist sehr hohen Kosten fürs Wohnen die finanzielle Lage für Familien erheblich. Hinzu kommen die sowieso schon gestiegenen Lebenshaltungs- und Energiekosten. Um den Mietkostenaufwand abzumildern, gibt es die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen. „Viele Familien wissen gar nicht, dass ihnen Wohngeld zustehen würde“, so Franziska Löffler, Leitung des AWO Büros KINDER(ar)MUT. Für Familien, die finanziell unter Druck stehen, ist es daher immer eine Überlegung wert, zunächst den Anspruch auf Wohngeld zu prüfen. Dieser wird individuell aufgrund verschiedener Faktoren ermittelt, ebenso wie die genaue Höhe der Unterstützung. Hierzu kann man sich beraten lassen (siehe Infospalte) oder online, beispielsweise mithilfe des Wohngeld-Rechners der Stiftung Warentest, den Anspruch berechnen. Durchschnittlich erhalten berechtigte Haushalte bundesweit etwa 370 Euro Wohngeld monatlich.

Wohnberatung der Landeshauptstadt Potsdam in der Wilhelmgalerie
Charlottenstr. 42, 14467 Potsdam, www.potsdam.de/de/wohngeld-damit-wohnen-bezahlbar-bleibt

Kinderzuschlag
Reicht das Einkommen der Familie nicht aus, so kann zusätzlich zum Kindergeld ein Kinderzuschlag von der Familienkasse gezahlt werden. Er soll helfen, einen Bezug von Bürgergeld zu vermeiden. Daraus ergibt sich, dass das Familieneinkommen zusammen mit Kinderzuschlag und Wohngeld höher sein muss, als ein eventueller Anspruch auf Bürgergeld für die Familie. Der Antrag auf Kinderzuschlag muss bei der Familienkasse gestellt werden. Der Kinderzuschlag beträgt derzeit maximal 297 Euro pro Kind im Monat.

Familienkasse Berlin-Brandenburg, Schlaatzweg 1, 14473 Potsdam, 0800.4 555 30
www.arbeitsagentur.de/familie-und-kinder/kinderzuschlag-verstehen/kiz-lotse

Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets (BuT)
Wer Wohngeld, Kinderzuschlag oder andere Sozialleistungen (zum Beispiel Bürgergeld, Asylbewerberleistungen) bezieht, ist automatisch berechtigt, für die eigenen Kinder Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets (BuT) zu beanspruchen. Dabei handelt es sich um eine Reihe finanzieller Förderungen, die es Kindern und jungen Erwachsenen ermöglichen sollen, dieselben Chancen wie Gleichaltrige wahrzunehmen und an Bildungs-, Förderungs- und Freizeitangeboten teilhaben zu können.

Finanziert werden unter anderem Ausgaben für den Schulbedarf mit bis zu 195 Euro pro Schuljahr, die für notwendige Unterrichtsmaterialien, Schulranzen und Sportkleidung eingesetzt werden können. Daneben werden die Kosten für ein- oder mehrtägige Schul- und Kitaausflüge übernommen, ebenso wie die Finanzierung von Lernförderung (zum Beispiel Nachhilfe) oder von Mittagsverpflegung in Schulen und Kitas. Ist der Schulweg mit Bus- oder Bahnfahrten verbunden, kann im Rahmen des BuT eine Monatskarte bereitgestellt werden, die zudem freizeitlich genutzt werden kann. Und apropos Freizeit: Für die Teilnahme des Kindes an sozialen und kulturellen Aktivitäten – sei es Musikunterricht, Spielen im Handballverein oder Malen im Kreativkurs – werden 15 Euro pro Monat bereitgestellt.

„In Potsdam sind oft die langen Bearbeitungszeiten für die BuT-Leistungen ein Problem“, so Franziska Löffler, die aus Erfahrung weiß, dass die Bearbeitung auch schon mal 6 Monate dauern kann. Da nützt es vielen Familien wenig, dass sie die Leistungen rückwirkend zur Antragstellung erhalten.

Obwohl bundesweit mehr als 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche Anspruch auf BuT-Leistungen hätten, liegt die Abrufquote nur bei 28 Prozent.

Kostenlose BuT-Beratung: Eine Initiative, die kostenlos Familien mithilfe mehrsprachiger Berater:innen durch den Dschungel der BuT-Leistungen führt. Ein einfacher BuT-Rechner zeigt, welche Leistungen euch zustehen könnten.
030.577 13 00 40 oder info@but-beratung.de, but-beratung.de

Onlineantrag der Landeshauptstadt Potsdam

Zuschüsse für Familienferienreisen
Das Land Brandenburg unterstützt mit einer finanziellen Förderung den Urlaub von Familien mit geringem Einkommen. Die Höhe des Zuschusses beträgt 10 Euro pro Tag für jedes mitreisende Familienmitglied. Familien, die Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld beziehen, erhalten die Zuschüsse auf Antrag ohne weitere Einkommens­prüfung und müssen lediglich die Bescheide mit einreichen. Gefördert werden höchstens 13 Übernachtungen. Wichtig ist, dass der Antrag mindestens 6 Wochen vor Reiseantritt gestellt wird. Auch Großeltern, die mit Familien oder Enkelkindern verreisen, erhalten bei Vorlage der Voraussetzungen einen Zuschuss. Antragsformulare sowie Infos zu den Zuschüssen gibt es beim Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg.

Auf unserer Webseite findet ihr zum Thema „Ferien mit kleinem Budget“ kostenlose oder kostengünstige Ferienangebote. Und in unserem Veranstaltungskalender findet ihr viele kostenlose Freizeit-Angebote für Familien, aber auch Flohmärkte, kostenlose Frühstückstreffen und Beratungsangebote. Auch der Eintritt-Frei-Kalender von Kultür zeigt euch kostenfreie Kulturangebote auf. Finanztipps speziell zu Schwangerschaft und Baby findet ihr in unserem „Wegweiser Schwangerschaft, Baby und Kleinkind“, den ihr kostenlos unter anderem bei uns in der Redaktion oder in den Schwangerschaftsberatungsstellen erhaltet.

Und was passiert politisch zum Thema?

Wenn in Familien das Geld knapp ist, dann sind es die Kinder, die am wenigsten bewirken können, um die Situation zu verändern. Der Sozialverband Deutschland e.V. fordert daher, die Verschärfungen bei der Reform der Grundsicherung (SGB II) zurückzunehmen, die am 1. Juli in Kraft treten sollen und insbesondere Familien mit Kindern treffen. „In der politischen Debatte wird völlig außer Acht gelassen, dass sie die geplanten Verschärfungen unmittelbar betreffen – obwohl sie nichts für ihre Lage können“, so SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier.

Auch der SHIA-Bundesverband kritisiert die Reform des SGB II und die Einführung der neuen Grundsicherung deutlich. Aus Sicht des Verbandes verschärfen die geplanten Maßnahmen sozial-finanzielle Ungerechtigkeiten und haben insbesondere für Alleinerziehende, Mütter, Frauen und Kinder negative Folgen.

Die Reform erhöhe lediglich den Druck auf Familien, ohne die strukturellen Probleme zu lösen. Der Verband warnt davor, dass Alleinerziehende, Eltern und Kinder einen hohen Preis für die Reform zahlen werden: steigende Kinderarmut, instabile Wohnverhältnisse, eine weitere Verdrängung von Familien aus der Gesellschaft, damit einhergehend Diskriminierung, eingeschränkte Lebensqualität, Bildungsverlust und verbaute Zukunftschancen für Kinder und Jugendliche.

„Armut ist eine gesellschaftliche Realität, die auf kommunaler Ebene nicht beseitigt werden kann. Allerdings muss die Linderung der Folgen von Armut ein Ziel kommunalen Handelns sein.“ So steht es im Aktionsplan „Kinder- und jugendfreundliche Kommune Potsdam“ geschrieben. Auch in Potsdam stehen Ideen zu Kürzungen im sozialen Bereich an, die für viele Diskussionen sorgen und auch armutsgefährdete Familien, Kinder und Jugendliche betreffen, wie die Aufhebung der Deckelung von Kosten für das Schulessen.

Parallel möchte Potsdam bis 2027 eine Armutspräventionsstrategie erarbeiten, die insbesondere Kinder- und Familienarmut in den Fokus nimmt. Kern dieser Armutspräventionsstrategie soll neben der Gründung eines „Bündnisses gegen Armut“ die Erstellung eines Armutspräventionskonzeptes sein. Julia Nina Baumann ist die zuständige Projektkoordinatorin für dieses Vorhaben und hat im Herbst 2025 die erste Potsdamer Armutskonferenz organisiert. Wir haben mit ihr ein ausführliches Interview geführt. Bei allen Anliegen zum Thema Armutsprävention war ihr zudem wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich neben Behörden und Institutionen grundsätzlich alle Menschen im Alltag armutssensibel verhalten können.

Was bedeutet Armutssensibilität?

Julia Nina Baumann: „Armutssensibilität beschreibt eine Haltung und Praxis, die die Lebensrealitäten von Menschen mit wenig finanziellen Ressourcen bewusst berücksichtigt. Sie zielt darauf ab, Benachteiligungen nicht zu verstärken, sondern Teilhabe zu ermöglichen. Das bedeutet: respektvoller Umgang ohne Vorurteile, Sensibilität für verdeckte Kosten (zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten, Kindergeburtstagen oder Schulmaterialien) und ein Bewusstsein dafür, dass Armut häufig mit Scham, Ausgrenzung und eingeschränkten Handlungsspielräumen einhergeht.

Armut ist im Alltag oft nicht unmittelbar sichtbar – ihre Auswirkungen sind jedoch nachhaltig. Kinder können zum Beispiel nicht an Ausflügen teilnehmen, Familien vermeiden kostenpflichtige Angebote oder geraten unter sozialen Druck. Armutssensibles Handeln hilft, solche Barrieren abzubauen und echte Teilhabe zu ermöglichen.“ Ganz konkrete Tipps findet ihr in unserem Beitrag Armutssensibles Handeln.

Was bedeutet armutsgefährdet?

Bei immer mehr Familien ist das Geld mittlerweile knapp. Das betrifft vor allem auch viele junge Familien. Jedes siebte Kind in Deutschland ist armutsgefährdet. Als armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verfügt. Schon 2020 bedeutete das für eine Familie mit zwei Kindern, weniger als 2.500 Euro monatlich zu haben. Der Potsdamer Armutsbericht von 2022 zeigt auf, dass 15 Prozent der Menschen in Potsdam armutsgefährdet sind. Der Anteil der Menschen, die von Armut betroffen sind, ist in Deutschland in den letzten 15 Jahren deutlich angestiegen. Daher ist zu vermuten, dass die aktuellen Zahlen höher liegen.

Auf der Webseite der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung gibt es mehrere spannende Interviews zu dem Thema nachzulesen. Am 20. Mai 2026 findet eine Lesung mit Gespräch zum Thema „Das können wir uns nicht leisten. Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein“ statt.

Hier findet ihr Unterstützung

Es gibt eine ganze Reihe von kostenlosen Unterstützungsangeboten in Potsdam. Vorstellen wollen wir hier für Familien das AWO Büro KINDER(ar)MUT. Doch auch wenn der Begriff „Armut” im Namen steckt, geht es um viel mehr: Im Büro KINDER(ar)MUT sind alle Familien willkommen, die sich in einer finanziell schwierigen Situation befinden, Probleme oder Fragen haben und Beratung suchen – auch wenn die Themen abseits vom reinen Thema „Finanzen“ liegen. Denn finanzielle Notlagen werden oft von anderen persönlichen Umständen begleitet. Gesundheitliche Probleme oder Schicksals­schläge rauben zusätzlich die Energie, die nötig wäre, um die Lebenssituation aus eigener Kraft zu bewältigen oder um Hilfe zu bitten. Hier ist es das Ziel, auch hierfür Unterstützungsmöglichkeiten zu finden, durch Krisenzeiten zu helfen, in Notsituationen Halt zu bieten und gemeinsam daran zu arbeiten, der Familie möglichst die finanzielle Stabilität zurückzugeben. Dazu ist oftmals zunächst die finanzielle Existenzsicherung das erste Anliegen.

Dies geschieht einerseits durch Beratung zu finanziellen und anderen Unterstützungsmöglichkeiten und andererseits durch konkrete Hilfe beim Stellen von Anträgen auf staatliche Leistungen, die individuell beansprucht werden können, wie Wohngeld, Kinderzuschlag, BuT, Unterhaltsvorschuss, Ferienzuschüsse oder das Potsdamer Schüler-BAföG. „Oft wissen die Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, gar nicht, dass sie berechtigt wären, solche Leistungen zu beziehen“, so Franziska Löffler.

„Ich habe das Gefühl, dass in den letzten Jahren immer mehr Menschen in der Beratung in Tränen ausbrechen, weil sie es gar nicht fassen können, dass sie in eine finanzielle Notlage geraten sind“, sagt Löffler. Sie möchte alle Familien ermutigen, sich im Zweifelsfall beraten zu lassen oder zu einem der offenen Angebote wie dem Stadtteilfrühstück oder dem Angebot für Alleinerziehende zu kommen, um Fragen zu stellen oder sich beraten zu lassen.

Ein besonderes Augenmerk legt das Büro KINDER(ar)MUT natürlich auf die Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit geringem Einkommen. Auch hier gibt es eine Reihe von Angeboten, wie „Frühblüher“ – eine Initiative, die Kinder bei der Finanzierung ihrer Hobbys unterstützt, oder „Wellenreiter“, bei der kostenloser Schwimmunterricht ermöglicht wird. Aber auch kostenlose Schulmaterialien und Aktionen, wie „Gemeinsam Schultüten basteln“ gehören zu den Angeboten. Viele der Projekte werden durch Spenden realisiert.

Wir haben mit Fransika Löffler ein ausführliches Interview geführt, welches ihr hier nachlesen könnt: potskids.de/t/interview-mit-franziska-loeffler

BERATUNGSSTELLEN

AWO Büro KINDER(ar)MUT
Babelsberger Str. 12, 14473 Potsdam, Bahnhofspassagen 5. OG, Westturm
0331.200 76 310, buero-kindermut@awo-potsdam.de
buero-kindermut.de

EJF-Beratungshaus
Friedrich-Engels-Str. 24, Haus 1 14473 Potsdam
0331.280 73 20, sb.beratungshaus-potsdam@ejf.de
www.ejf.de

Arbeitslosenverband Deutschland LV Brandenburg e.V.
Eduard-von-Winterstein-Str. 22, 14480 Potsdam
0331.20 12 78 46, sb-potsdam@alv-brandenburg.de
www.alv-brandenburg.org

SHIA e.V. Landesverband Brandenburg
Bahnhofstr. 4, 15711 Königs Wusterhausen
03375.29 47 52, shia-brandenburg.de

Wir haben mit Franziska Löffler vom AWO Büro KINDER(ar)MUT ein Interview geführt. Auch wenn der Begriff „Armut” im Namen steckt, geht es um viel mehr: Im AWO Büro KINDER(ar)MUT sind alle Familien willkommen, die sich in einer finanziell schwierigen Situation befinden, Probleme oder Fragen haben und Beratung suchen – auch wenn die Themen abseits vom reinen Thema „Finanzen“ liegen.

Das  AWO Büro KINDER(ar)MUT versteht sich als Netzwerk-, Kontakt- und Beratungsstelle für Familien – vor allem für die, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Aber ehrlich gesagt: Wir sind auch einfach für alle Familien da, die gerade in einer Notlage sind oder nur mal eine Frage haben. Zum Beispiel, wenn jemand ganz neu alleinerziehend ist und denkt: „Was brauche ich jetzt eigentlich?“ oder „Habt ihr Tipps für mich?“

Ja, auf jeden Fall die Beratung zu familienunterstützenden Leistungen. Da geht’s oft erstmal darum zu verstehen: „Habe ich Anspruch auf Kinderzuschlag? Bekomme ich Wohngeld? Wie beantrage ich Bildungs- und Teilhabeleistungen? Kann ich kostenloses Schulmittagessen bekommen?“
Und manchmal ist es auch schon ein riesiger Schritt, überhaupt einen Widerspruch zu schreiben. Dieser ganze Antragsdschungel – da muss man sich erstmal durchkämpfen und verstehen, wie das alles funktioniert.

Uns geht es dabei immer um Hilfe zur Selbsthilfe. Also: gut erklären, dranbleiben, vielleicht auch mehrmals gemeinsam Anträge ausfüllen – damit Familien es irgendwann selbst hinbekommen.
Aber erstmal müssen viele das System überhaupt verstehen – gerade Familien mit Migrationshintergrund, wo oft noch Sprachbarrieren dazukommen. Viele sind einfach überfordert von der Bürokratie oder fragen sich: „Muss ich das jetzt digital machen? Brauche ich dafür eine App vom Jobcenter?“

Und am Ende ist es so: Jede Familie bringt ihre eigene Situation mit. Klar, wir kennen die Abläufe und Zuständigkeiten – aber es gibt fast immer etwas Besonderes. Das sortieren wir dann gemeinsam, bis die Familie sich wieder selbst organisieren kann.

In erster Linie sind das natürlich Wohngeld, Kinderzuschlag, Bildungs- und Teilhabeleistungen, Kindergeld und Unterhaltsvorschuss. Dann gibt es auch noch spezifischere Leistungen, zum Beispiel Schüler-BAföG ab der 11. Klasse, Zuschüsse für Familienurlaube und Ferienfahrtenzuschüsse, Anträge bei Kultür u.v.m.

Wir arbeiten mit vielen anderen sozialen Einrichtungen und auch vielen Potsdamer Unternehmen zusammen und schauen, wo wir zusätzliche Hilfe bekommen – zum Beispiel über unsere Spendenprojekte. Außerdem sind wir Beratungsstelle für die „Stiftung Hilfe für Familien in Not“ im Land Brandenburg. Da stellen wir gemeinsam mit den Familien Anträge – etwa 10 bis 15 im Jahr, für wirklich sehr schwere Krisensituationen.

Unsere Einrichtung AWO Büro KINDER(ar)MUT ist also auf der einen Seite die Beratungsstelle und auf der anderen Seite beinhaltet sie viele unterstützende Projekte und Angebote für die gesamte Familien, zum Beispiel kostenfreie Stadtteilfrühstücke, Bildungsbegleitung für Kinder und Jugendliche, Elterncafés, Elternschule, interkulturelle Veranstaltungen und Aktionen und vieles mehr.  Ein guter Überblick über alle Angebote befindet sich auf unserer Webseite.  Zusätzlich versuchen wir, über Spendenprojekte, Kindern und Jugendlichen noch mehr zu ermöglichen – gerade da, wo Eltern sich das nicht leisten können. Das reicht von Hobbys für Jugendliche („Frühblüher“) über digitale Endgeräte bis hin zu Schwimmkursen („Wellenreiter“).

Ein großes Thema sind auch Schulmaterialien, vor allem zur Einschulung. Das Projekt nennen wir „Fit in die Schule“. Hier stellen wir kostenlos Materialien zur Verfügung und organisieren auch gemeinsames Schultütenbasteln für Eltern, diese Termine finden von Mai bis Juli statt. Das alles wird gespendet – von Unternehmen, Vereinen oder Privatpersonen.

Unser Ziel ist: Jedes Kind soll am ersten Schultag alles haben, was es braucht, um gut lernen zu können. Das bedeutet, alles, was es für eine gute Bildung braucht, sollte in Kita und Schulen vorhanden sein, vom Bleistift über das Schulbuch bis hin zu Frühstück und Mittagessen. Für diese Struktur bin ich, ehrlich gesagt, eine klare Verfechterin.

Das wäre schön. Gibt es aber so nicht. Man kann das über „Bildung und Teilhabe“ (BuT) beantragen – aber nur, wenn man bestimmte, so genannte Transferleistungen wie Jobcenterleistungen oder zum Beispiel Wohngeld bekommt. Ein Problem dabei ist: Die Familien müssen hier erstmal in Vorleistung gehen. Sie müssen den Antrag stellen, oft alle sechs Monate neu, und die Bearbeitung dauert nicht selten mehrere Monate. Das heißt: Familien sollen Geld auslegen, das sie gar nicht haben. Und das ist einfach ein riesiges Problem, weil wenige Familien in ihrer Lebenssituation Rücklagen haben. Wenn sie wollen, dass ihre Kinder Mittagessen bekommen, müssen sie also zwangsläufig Schulden machen. Das ist nicht nur schwierig, sondern auch herabwürdigend.

Wenn man also weiß, dass armutsbetroffene Familien nicht in Vorleistung gehen können, dann dürften wir doch eigentlich kein System haben, das voraussetzt, dass die Menschen in Vorleistung gehen – das ist doch absurd.

Und dann sitzt man da auch als Sozialarbeiter:in und denkt: Eigentlich will ich doch nur, dass die Kinder Mittagessen bekommen. Daher setzt sich der AWO Bezirksverband Potsdam mit der im März 2026 gestarteten Volksinitiative „Gerechtigkeit is(s)t besser“ für die Einführung eines gebührenfreien und gesunden Mittagessens für Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 6 im Land Brandenburg ein.

Total. Und genau deshalb sagen wir: Unsere Aufgabe als Beratungsstelle ist es, sie dabei zu unterstützen: „Wir stehen an eurer Seite. Ihr müsst da nicht alleine durch.“ Und gleichzeitig versuchen wir, über unsere AWO-Spendenprojekte zumindest punktuell zu entlasten – gerade bei Familien, die ohnehin schon erschöpft sind.

Das wäre wirklich sinnvoll – wenn wir so eine Art Stiftung hätten, die das unkompliziert anbieten könnte. Gerade für Einzelfälle. Denn wenn man einmal aus dem System rausfällt und kein Netzwerk hat, wird es richtig schwierig.

Genau. Unser Hauptaugenmerk ist, dass wir uns wirklich gut mit anderen Einrichtungen in Potsdam vernetzen, um gezielt Angebote für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu schaffen. Das funktioniert einfach am besten, wenn man mit Begegnungshäusern und Kultureinrichtungen zusammenarbeitet. Man muss sich vernetzen – gerade auch in Zeiten, in denen die Gelder knapper werden – damit wir trotzdem gute und passende Angebote machen können.

Und wir haben immerhin über das Förderprogramm „Stark vor Ort“ eine ESF-Förderung für drei Jahre bekommen. Daraus ist unser Projekt „Gemeinsam wachsen“ entstanden: mit Elterncafés, Coaching für Alleinerziehende und einer Elternschule.

Genau, und die Elternschule bauen wir gerade weiter aus. Ziel ist, dass es hierüber regelmäßig Angebote vor Ort und auch online gibt, wie  Workshops für Eltern.

Und genauso bei „Hurra, es ist Sonntag“, dem Brunch für Alleinerziehende oder den Stadteilfrühstücken: Man kann einfach hingehen, Leute treffen, sich austauschen. Sich vielleicht ein Netzwerk aufbauen. Uns ist wichtig: Es geht nicht nur um das Thema „Armut“. Es geht um Familien mit Fragen, mit Herausforderungen – egal welcher Art. Notlagen sind ja nicht nur finanziell.

Viele rufen einfach an und machen einen Termin. Dann kommen sie vorbei – entweder hier oder an einem unserer anderen Standorte. Oder sie kommen erstmal zu einem offenen Angebot wie einem der genannten Elterncafés oder Stadtteilfrühstücke. Und wenn man merkt, da gibt es mehr Bedarf, fragen wir nach, ob sie nicht zur Beratung kommen möchten.

Genau, wir wollen nicht nur einen zentralen Standort haben, sondern dahin gehen, wo die Menschen sind – damit die Wege kurz bleiben.

Ganz klar: weniger Bürokratie, insbesondere bei Bildung und Teilhabe. Am besten wäre so eine Art BuT-Karte: Wenn ich Transferleistungen bekomme, kann ich das automatisch gleich mit beantragen. Und dann können die Kinder einfach die Leistungen nutzen, wie Mittagessen, Schulmaterial, Hobbys – ohne jedes einzelne neu zu beantragen, wie man es bisher machen muss. Das würde Familien enorm entlasten. Es wäre einfach schon auf der Karte drauf und die Familien hätten keine Abrechnungen mehr, keine Vorleistungen.

Und ganz ehrlich: Anträge auf finanzielle Unterstützung sind teilweise so kompliziert formuliert – selbst wenn man sich auskennt, stehen einem manchmal die Haare zu Berge.

Wir müssen aufpassen, dass die Spaltung in Potsdam zwischen Arm und Reich nicht noch weiter voranschreitet. Viele sagen, Potsdam sei eine so lebenswerte Stadt, aber ich glaube, es gibt ganz viele Menschen, die das gar nicht behaupten, sondern für die es hier sehr, sehr kompliziert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, Potsdam als lebenswert zu empfinden, wenn ich das Gefühl habe, ich komme aus meiner Zweiraumwohnung mit fünf Kindern nicht mehr raus, weil es einfach nichts gibt und schon gar nichts, dass ich bezahlen könnte.

Ich mag Potsdam auch sehr, ich bin hier aufgewachsen. Und trotzdem finde ich, man kann sich nicht darauf ausruhen, dass es hier wunderschön ist, wenn wir hier einen großen Anteil von Menschen haben – mittlerweile auch in der Mittelschicht – die einfach sagen, es wird zu eng.

Wir brauchen mehr Unterstützung: Schulsozialarbeit, Kita-Sozialarbeit – und zwar flächendeckend. Und wir brauchen Orte, an denen sich Menschen begegnen können – niedrigschwellig, ohne Hürden.

Am Ende geht es nicht darum, ob jemand arm oder reich ist, sondern darum, dass wir als Gesellschaft zusammenbleiben, gemeinsam leben und Verantwortung für kommende Generationen tragen. Dass man sich als Mensch begegnet. Und das ist eigentlich das Wichtigste.

Weitere Infos:
buero-kindermut.de
www.facebook.com/awobuerokindermut
www.instagram.com/awobuerokindermut

Spendenprojekte: buero-kindermut.de/de/spenden

>> Lest auch: Mehr Geld für Eltern

Potsdam möchte bis 2027 eine Armutspräventionsstrategie erarbeiten, die insbesondere Kinder- und Familienarmut in den Fokus nimmt. Kern dieser Armutspräventionsstrategie soll neben der Gründung eines „Bündnisses gegen Armut“ die Erstellung eines Armutspräventionskonzeptes sein. Julia Nina Baumann ist die zuständige Fachkoordination für Armutsprävention im Fachbereich: „Soziales und Inklusion für dieses Vorhaben und hat im Herbst 2025 die erste Potsdamer Armutskonferenz organisiert. Wir haben mit ihr ein Interview geführt.

 „Ich bin angestellt im Projekt „Erarbeitung einer Gesamtstrategie zur Armutsprävention für die Landeshauptstadt Potsdam“. Das ist ein Projekt des Landesprogramms „Stark vor Ort“ und wir finanziert durch Landesmittel und ESF Plus Mittel, also Europäisch Mittel, sowie einen Eigenanteil der Landeshauptstadt Potsdam“

Dieses Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, in zwei verschiedenen Varianten explizit Kinderarmut beziehungsweise Familienarmut im Land Brandenburg zu bekämpfen.

Dazu gibt es so eine Art strategische Herangehensweise, das betrifft eher die kommunale Seite – da bin auch ich verortet. Es geht darum, einmal von oben auf das Thema zu blicken und zu schauen: Was können Kommunen denn überhaupt tun? Was sind die großen Fragen, die sich Kommunen stellen müssen? Was gibt es vielleicht auch schon in den Kommunen? Und wie kann man überhaupt diese vielen, vielen verschiedenen Themen und Mitarbeiter:innen, die sich mit dem Thema beschäftigen, zusammenbringen?

In der Verwaltung beschäftigt man sich ja meistens mit Zielgruppen. Die Jugendhilfeplanerin beispielsweise beschäftigt sich mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche. Die Schulplanerin wiederum beschäftigt sich mit Schulen. Alles ist sehr in Bereiche organisiert. Das kann man bei Armut aber nicht machen. Armut ist ein Thema, das sehr viele Personen betrifft, in ganz unterschiedlichen Lebenslagen, unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft. Es ist also ein Thema, das wesentlich allumfassender und ganzheitlicher angeschaut werden muss. Und hier müssen sich die Kommunen überlegen, wie sie diese vielen einzelnen Planungen, Projekte und Angebote zusammenbringen. Das ist so in etwa meine Aufgabe hier in Potsdam.

Konkret bedeutet das, dass ich eine Gesamtstrategie für die Landeshauptstadt Potsdam entwickle – und zwar nicht nur für Kinder, Jugendliche und Familien. Wir haben dafür einen ganzheitlicheren Blick gewählt. Denn das Thema Armut begleitet Menschen eventuell ein ganzes Leben lang – das arme Kind von heute ist wahrscheinlich auch der arme Senior oder die arme Seniorin von morgen – und deshalb muss man langfristiger planen und mitdenken. Auch wenn das Projekt weiterhin einen gewissen Fokus auf Kinder und Familien hat.

Es gibt aber in dem Projekt auch noch einen zweiten Fördertopf, der ist vor allem für Träger gedacht. Und die entwickeln wirklich ganz klassische Maßnahmen zur Armutsprävention, sozusagen direkt für die betroffenen Menschen. Hier gibt es auch sehr viele Träger in Potsdam, die einen Zuschlag bekommen haben, was uns sehr freut, und die sind auch durch dieses Landesprogramm mitgefördert.

Die Konferenz war eine von mehreren, die geplant sind. Das ist Teil des sogenannten Beteiligungsmanagements, denn es ist wichtig, mit möglichst vielen Personen zu sprechen, die mit von Armut betroffenen Menschen tatsächlich zu tun haben. Das sind zunächst die Kolleg:innen in der Verwaltung, die beispielsweise beim Bürgergeld oder Wohngeld direkt mit Kund:innen in Kontakt stehen. Aber auch Sozialarbeiter:innen und so weiter. Und dann natürlich die Mitarbeiter:innen von Trägern, die in den verschiedenen Einrichtungen in Potsdam arbeiten. Außerdem Vertreter:innen aus der Politik und Wissenschaft.

Wir haben festgestellt, wir sind in Potsdam insgesamt sehr gut aufgestellt. Aber es hat sich auch herauskristallisiert, dass die Träger untereinander sich noch viel stärker vernetzen könnten. Ein Thema war dazu auch: Wie kann man diese schon bestehenden Angebote noch ein bisschen effizienter nutzbar machen? Das Thema müssen wir auch angehen, denn wir sind nun mal momentan in einer etwas schwierigen Haushaltslage in den Kommunen.

Ein weiterer Punkt war, dass die Angebote, die es bereits gibt, in der Öffentlichkeit noch bekannter werden könnten – auch untereinander.

Aber Potsdam ist auch eine Stadt mit einer besonderen Lage: Potsdam hat den Ruf, reich zu sein, also man kommt irgendwo hin und alle sagen: Was will man denn mit dem Thema „Armut“ in Potsdam? Weil natürlich alle dieses Bild haben von dieser tollen Stadt, mit der tollen Architektur und von den reichen Leuten, die da leben. Die leben hier ja auch, aber es gibt eben auch andere Menschen, denen es finanziell nicht so gut geht.

Diese Situation führt zu einer starken Segregation. Wenn man sich mal die Statistiken anschaut, haben wir in den nördlichen Stadtteilen Potsdams Zahlen zum Thema Armutsgefährdung, die sind teilweise so weit unter dem Bundesdurchschnitt, dass man sie fast schon vernachlässigen kann. Trotzdem kann man auch da sagen, das armutsbetroffene Kind, das in einem eher reichen Stadtteil lebt, muss trotzdem beachtet werden.

Und dann haben wir den Schlaatz, die Waldstadt und so weiter, dort haben wir teilweise über ein Viertel der Bevölkerung, die armutsgefährdet ist.

Wichtig ist: Armut ist ja mehr als finanzielle Armut. Und gerade in unserem Ansatz hier geht es eben nicht nur darum zu sagen, es braucht die Summe X, damit man nicht arm ist, sondern es geht auch darum, eine soziale und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Auch da haben wir einfach festgestellt, dass das derzeit schwierige Themen sind. Wenn wir parallel vor so großen finanziellen Herausforderungen stehen, stellt sich die Frage: Was ist überhaupt möglich von Seiten der Stadt? Gleichzeitig ist es aber auch so, dass die vielen Angebote, die es bereits gibt, schon eine gute Basis in Potsdam bieten.

Also, das ist immer ein Thema. Und es ist eine Herausforderung. Zu armutssensiblem Handeln (Link zu Info-Artikel „Was ist armutssensibles Handeln?“) gehört, dass Informationen niedrigschwellig zur Verfügung stehen müssen.

Und jetzt kommt es natürlich darauf an, über welche Angebote in der Verwaltung wir sprechen. Natürlich ist es so, dass wir immer damit beschäftigt sind, und auch in vielen Arbeitsgruppensitzungen darüber sprechen, wie man eben solche armutssensiblen Schreibweisen – und Sprechweisen – etablieren kann in der Verwaltung.

Letztlich müsste man aber, auch bei BuT, einen Weg finden, der tatsächlich Bürokratie abbaut und Zugänge erleichtert. Und da stehen wir einfach immer vor der Herausforderung, dass wir an Landes- und Bundesvorgaben gebunden sind, die rechtlich erfüllt werden müssen. Es ist nicht so einfach, aber wir sind da dran.

Das, was Potsdam zu den BuT-Verfahren auf jeden Fall jetzt schon macht, ist ein sogenannter „vereinfachter Antrag“. Das bedeutet, dass man nicht mehr alles einzeln beantragen muss. Also Schulmaterialien, Zuschuss zum Mittagessen, was auch immer, wären ja sonst eigentlich alles Einzelanträge – es gibt dazu einen Gesamtantrag, in dem nur einzelne Dinge rausfallen. Hinzu kommt, dass bei der Bearbeitung möglichst entsprechend priorisiert wird, gerade bei Härtefällen oder zum Beispiel bei Klassenfahrten, wo man ja einen Stichtag hat. Die sollen schnell beantwortet werden.  Ich kann außerdem sagen, dass sich gerade beim Bildung- und Teilhabepaket in Potsdam in diesem Jahr noch einiges ändern wird, das hoffentlich ebenfalls zu einer Erleichterung für die Antragsstellenden führt.

Ja, das ist ein schwieriges Thema, das mir aber sehr am Herzen liegt. Und wo wir auch immer wieder in der Kritik stehen und gefragt wird: „Warum spricht auf der Armutskonferenz niemand, der betroffen ist?“ Das hat einfach den Grund, dass es sehr, sehr schwierig ist, Personen sensibel einzubinden, ohne sie vorzuführen.

Man stelle sich vor, ich würde jetzt sagen: „Hier ist die armutsbetroffene Person XY, hier ist deine Bühne – na jetzt erzähl doch mal, wie ist es denn, arm zu sein?“ Da würde ich nicht armutssensibel handeln, schon gar nicht als Vertreterin der Verwaltung. Man muss sich gut überlegen: Wie können wir ein Umfeld schaffen, wo armutsbetroffene Menschen sich tatsächlich einbringen können? Das ist absolut erwünscht!

Es gibt in Potsdam ja verschiedene Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Wenn es um Kinder und Jugendliche geht, haben wir ja jetzt den Kinder- und Jugendrat, wo eine Beteiligung absolut erwünscht ist und wo eine sehr niedrigschwellige Anmeldung von Themen möglich ist. Man muss auch nicht dort hingehen, man kann auch eine E-Mail schreiben oder einen Brief. Aber man muss auch sagen, dass in vielen Beteiligungsformaten armutsbetroffene Familien eher weniger auftreten.

Gerade das Thema Armut ist sehr eng mit dem Thema Scham verknüpft und da ist es einfach schwierig, auch von uns aus an Personen heranzutreten. Hier können wir nur Angebote machen und es wäre schön, wenn die Menschen den Mut finden, hier mitzumachen. Tatsächlich wäre es auch auf der Armutskonferenz jederzeit möglich gewesen für interessierte Bürger und Bürgerinnen, zu kommen – es waren auch ein paar da.

Wir sind dazu in die Absprache mit der Verwaltung gegangen, auch um zu schauen: Was ist denn aus Verwaltungssicht schon da? Wo sind die Themen, auf die wir uns in den nächsten Jahren konzentrieren müssen? Und wo können wir Synergien aufbauen?

Mit diesen Themen und der Idee, dann konkrete Maßnahmen zu entwickeln, werde ich auf die nächste Konferenz gehen. Ich kann jetzt nicht voraussagen, was da passieren wird, weil alles ja ein offener Prozess ist. Und das soll ja auch so sein. Es wird Themen geben, die werden wir ad hoc nicht lösen können, gerade was die Wohnraumsituation angeht – auch wenn die Kommune da hinterher ist – zaubern können wir leider auch nicht.

Wir werden versuchen, Synergien und einen stärkeren Austausch zu schaffen. Das ist eines der größten Ziele für diese Konferenz. Dazu wird auch ein Bündnis gegründet werden, als Netzwerkstruktur, damit wir überhaupt mal eine Struktur für die ganzen Akteure und Akteurinnen haben, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Wenn alles gut läuft, dann haben wir wirklich die Chance, auch untereinander Ressourcen zu nutzen, und das geht ja auch noch weiter. Wenn wir sagen, wir haben in den Kommunen nicht so viel Geld, dann trifft das die Träger natürlich auch. Aber es gibt ja vielleicht an anderer Stelle noch Geld. Ich selbst bin ja durch europäisches und Landesgeld finanziert. Auch mit nichtkommunalen Geldern können wieder Projekte entstehen.

Ja, genau. Und das Ziel ist natürlich schon, dass wir am Ende aus der Konferenz mit einem Maßnahmenplan herausgehen. Und der soll dann schon 2027 in einem Armutspräventionskonzept in der Stadtverordnetenversammlung hoffentlich beschlossen werden.

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Wir haben mit der Fachkoordination für Armutsprävention der Landeshauptstadt Potsdam, Julia Nina Baumann, ein ausführliches Interview geführt. Bei allen Anliegen zum Thema Armutsprävention war es ihr besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich neben Behörden und Institutionen grundsätzlich alle Menschen im Alltag armutssensibel verhalten können. Wir haben sie gefragt: „Was bedeutet Armutssensibilität?“

Was ist eigentlich Armutssensibilität – und was kannst du im Alltag tun?

Armutssensibilität beschreibt eine Haltung und Praxis, die die Lebensrealitäten von Menschen mit wenig finanziellen Ressourcen bewusst berücksichtigt. Sie zielt darauf ab, Benachteiligungen nicht zu verstärken, sondern Teilhabe zu ermöglichen. Das bedeutet: respektvoller Umgang ohne Vorurteile, Sensibilität für verdeckte Kosten (zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten oder Schulmaterialien) und ein Bewusstsein dafür, dass Armut häufig mit Scham, Ausgrenzung und eingeschränkten Handlungsspielräumen einhergeht.

Warum ist das wichtig?

Armut ist im Alltag oft nicht unmittelbar sichtbar – ihre Auswirkungen sind jedoch nachhaltig. Kinder können zum Beispiel nicht an Ausflügen teilnehmen, Familien vermeiden kostenpflichtige Angebote oder geraten unter sozialen Druck. Armutssensibles Handeln hilft, solche Barrieren abzubauen und echte Teilhabe zu ermöglichen.

Was kannst du konkret tun?

  • Im Alltag aufmerksam sein: Ein freundliches Lächeln oder ein respektvoller Blick gegenüber einer obdachlosen Person signalisiert Würde – statt wegzusehen oder abwertend zu reagieren.
  • Kosten mitdenken: Plane Aktivitäten so, dass alle mitmachen können – etwa kostenfreie Ausflüge oder ein gemeinsames Picknick statt teurer Unternehmungen.
  • Druck rausnehmen (zum Beispiel im Kindergarten): Ein selbstgebackener Rührkuchen zum Geburtstag ist völlig ausreichend. Aufwendige Geschenke für alle Kinder können bei Familien, die sich solche nicht leisten können, das Schamempfinden verstärken.
  • Alternativen schaffen: Leihen, tauschen oder gemeinsam nutzen (zum Beispiel Kleidung, Bücher, Spielzeug, Fahrgemeinschaften) bietet allen die Option teilzunehmen.
  • Sprache bewusst wählen: Keine abwertenden Kommentare über „Armut“ oder „die Anderen“ – Worte wirken sehr stark auf soziale Realitäten. Vermeide beschämende Fragen oder Kommentare zu Geld, Besitz, Kleidung oder Konsum.
  • Unterstützung ermöglichen: Informiere dich über lokale Angebote und gib Hinweise weiter, ohne zu bevormunden.
  • Inklusion unterstützen: Setze dich in deinem Alltag bewusst dafür ein, dass alle gleichermaßen teilhaben können.

Vier Schritte zu mehr Armutssensibilität:

  1. Handeln: Respektvoll bleiben – niemand wird beschimpft, ausgeschlossen oder bloßgestellt.
  2. Denken: Eigene Vorurteile hinterfragen (zum Beispiel „Armut ist selbstverschuldet“) und Zusammenhänge reflektieren.
  3. Fühlen: Offen und unvoreingenommen auf Menschen zugehen – mit Empathie statt Distanz.
  4. Wissen weitergeben: Teile deine Armutssensibilität mit anderen und weise konstruktiv auf Problemlagen hin.

>> Lest auch: Mehr Geld für Eltern

Ihr sitzt im Auto, im Zug oder am Flughafen und irgendwann kommt sie – diese eine Frage, die wohl alle Eltern kennen: „Wann sind wir endlich da?“ Sie ist weniger eine Frage nach Kilometern als nach Geduld, Energie und Nerven. Mit Kindern verändern sich die Maßstäbe fürs Reisen. Was vor der Elternschaft spontan, abenteuerlich oder einfach machbar war, wird jetzt schnell zur logistischen Herausforderung. Anreisezeiten, Schlafrhythmen, Snacks, Pausen, Toiletten – Urlaub beginnt nicht erst am Ziel, sondern lange vorher. Viele Eltern merken schnell: Es geht nicht mehr darum, möglichst weit wegzufahren, sondern darum, gut anzukommen.

Die Frage „Nah oder fern?“ beschäftigt dabei besonders. Fernreisen versprechen besondere Erlebnisse und Orte, andere Kulturen – Abwechslung! Gleichzeitig bedeuten sie lange Anfahrten oder Flüge, Zeitumstellungen und wenig Flexibilität, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Für manche Familien – vor allem mit älteren Kindern und Reiseerfahrung – kann das wunderbar funktionieren. Für andere fühlt es sich eher nach zusätzlichem Stress an.

Nah- und Regionalreisen erleben deshalb bei Familien eine Renaissance. Kurze Wege, vertraute Sprache, im Zweifel schnelle medizinische Versorgung und die Möglichkeit, notfalls einfach früher nach Hause zu fahren, geben Sicherheit. Und für Kinder ist erst einmal jeder Ort, der nicht das Zuhause ist, eine Abwechslung. Sie entdecken ihre Umgebung oft viel bewusster, als wir Erwachsenen erwarten: Ein See, ein Wald oder ein kleiner Ort können genauso aufregend sein wie ein fernes Land – vor allem, wenn Zeit und Aufmerksamkeit von Seiten der Eltern stimmen und die Aktivitäten Spaß machen.

Noch eine Nummer kleiner sind sogenannte Mikroabenteuer: Kurze Auszeiten, oft nur für ein Wochenende, die mit wenig Planung und überschaubarem Budget verbunden sind – ein Wochenende auf dem Bauernhof oder in einem Familienhotel, Zelten in der Nähe, eine Nacht auf einem Floß oder ein Städtetrip mit Übernachtung. Für Kinder, die Abenteuer lieben, sind diese Mini-Reisen echte Highlights. Aber nicht für jedes Kind ist so ein Kurztrip geeignet. Manche brauchen ein paar Tage, um an einem Ort richtig anzukommen, um die Umgebung genießen zu können. Für diese Kinder sind Mikroabenteuer weniger erholsam. Im Zweifelsfall einfach mal ausprobieren!

Wenn ihr gemeinsam über ein Urlaubsziel entscheidet, spielen meist viele Faktoren gleichzeitig eine Rolle: Wie anstrengend ist die Anreise? Was brauchen die Kinder gerade – Bewegung, Ruhe, Sicherheit? Wie viel Erholung wünscht ihr euch selbst? Ist „All inclusive“ eher entspannend, weil sich niemand um das Essenkochen kümmern muss, oder eher stressig, weil feste Essenszeiten den Tagesablauf einschränken? Ist es schön, wenn die Kinder zwischendurch ihr eigenes Programm haben oder möchte man möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen? Wichtig ist: Es gibt keine richtige oder falsche Art, mit Kindern Urlaub zu machen. Entscheidungen entstehen aus eurer aktuellen Lebensphase, eurem Energielevel und euren Bedürfnissen. Manchmal ist eine Reise in ein anderes Land mit viel Abwechslung genau das Richtige. Manchmal ist es der entspannte Campingplatz um die Ecke.

Kinder erinnern sich sowieso später weniger an Entfernungen als an Gefühle und an gemeinsam verbrachte Zeit, an Gelächter, kleine Rituale und alles, was man zusammen erlebt hat.
Und wenn euer Kind auf dem Weg in den Urlaub fragt: „Wann sind wir endlich da?“ – dann könnte die Antwort lauten: „Wir sind schon mittendrin – in unserem gemeinsamen Urlaub!“ Denn es kommt ja nicht nur drauf an, einen bestimmten Ort zu erreichen – sondern anzukommen in einem Urlaubsmoment, der sich gut anfühlt.


Ländliches Brandenburg für Groß und Klein
Auf der Webseite der Landpartie Brandenburg findet man neben aktuellen Veranstaltungen und Ausflugstipps auch kostenlose Kataloge zum Bestellen und Downloaden, um die ländlichen Regionen Brandenburgs als Familie zu entdecken.
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Ausflüge mit Kindern in Brandenburg
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Gefährliche Apnoen gibt es auch bei Kindern

Dass manche Erwachsene in der Nacht Atemaussetzer haben, ist bekannt. Durch Veranlagung, eine schlaffe Rachenmuskulatur, angeborene Fehlstellungen des Unterkiefers oder eine Nasenscheidewandverkrümmung kann die Atmung behindert werden. Weitere Risikofaktoren für die „Obstruktive Schlafapnoe“ sind Übergewicht und regelmäßiger Alkoholkonsum. Aber bei Kindern? „Ja, das gibt es auch“, sagt Thomas Erler, Ärztlicher Leiter und Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik am Klinikum Westbrandenburg in Potsdam und Leiter des Kinder-Schlaflabors. „Bei Kindern sind oft vergrößerte Rachen- oder Gaumenmandeln die Ursache für die nächtlichen Atemaussetzer. Auch Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder einer Rückverlagerung des Unterkiefers können nachts Atemprobleme bekommen.“

Schnarcht ein Kind über einen längeren Zeitraum, sollten Eltern das ernst nehmen. Atemaussetzer beeinträchtigen die Qualität des Schlafes und führen gerade bei jüngeren Kindern auf Dauer zu Entwicklungs- und Wachstumsverzögerungen. Wird die Atmung im Schlaf behindert, kommt es zu einem Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut. Das merkt das Gehirn glücklicherweise und das Kind wacht von selbst auf, damit die Muskulatur sich strafft und bei der nächsten Atmung wieder genügend Sauerstoff ins Blut gelangt. Wo ist also das Problem? „Wenn das in der Nacht regelmäßig passiert, kommt das Kind nicht mehr in die Tiefschlafphase, die für die Entwicklung des Gehirns entscheidend ist“, erklärt Erler.

Entwicklungs- und Wachstumsverzögerun­gen, nächtliches Schwitzen, Einnässen und Kopfschmerzen am Morgen können bei Kindern Folge einer gestörten Atmung in der Nacht sein. Manche Kinder sind tagsüber sehr müde, andere durch den gestörten Nachtschlaf erst recht aufgedreht und hibbelig. Um sich Klarheit zu verschaffen, sollten Eltern den Kinderarzt konsultieren, der gegebenenfalls eine Untersuchung im Schlaflabor verordnet.

Dort verbringt das Kind meist zwei Nächte. Die erste Nacht ist so ungewohnt für das komplett verkabelte Kind, dass es nicht entspannt genug schläft, um zuverlässige Messergebnisse zu erhalten. „Wir nehmen auch die Eltern mit auf, damit sich das Kind sicher fühlt“, sagt Erler. Im Schlaflabor werden die Herz- und Atemfrequenz, der Sauerstoffgehalt im Blut sowie die Hirnaktivitäten beim Schlafen gemessen und protokolliert. „An den Ergebnissen lässt sich ablesen, wie ausgeprägt das Schnarchen beziehungsweise die Atemaussetzer sind und ob das Kind überhaupt noch Tiefschlafphasen erreicht.“

Ist das nicht der Fall, kann die Entfernung von Rachenmandeln oder Polypen helfen. Manche Kinder müssen mit einer Sauerstoffmaske schlafen. Das ist aber extrem selten. Rund sieben Prozent aller Kinder schnarchen und nur zwei Prozent aller Zwei- bis Fünfjährigen leiden unter einer Schlafapnoe. Erler sieht die Untersuchungen im Schlaflabor als Riesen-Fortschritt an: „Früher haben Ärzte die Menschen immer nur im Wachzustand untersucht, obwohl wir rund ein Drittel unseres Lebens schlafend verbringen. Dank modernster Technik können wir heute gute Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten anbieten.“ (Maren Herbst)

Artikel aus: November 2018

Mehr zum Thema „Schlafen“ könnt ihr hier lesen:
Jedes Kind schläft anders
Den Teufelskreis durchbrechen
Hauptsache ausgeschlafen
Je müder, desto hyperaktiver
Schlaft schön!

Dieser provokante Satz, in Variationen mehrfach zitiert, wirft die Frage auf: Was ist dran an der Behauptung? Nachahmung ist tatsächlich ein genetisch verwurzelter Instinkt und dem Menschen angeboren. Heute weiß man, dass Spiegelneuronen daran einen großen Anteil haben.



Eltern und enge Bezugspersonen sind die ersten, die von ihren Kindern imitiert werden. Schon kurz nach der Geburt beginnt das Nachahmen. Die Aufmerksamkeit des Kindes geht von der anfänglichen Reflexphase in eine gezielte Blicksuche zu den Eltern und Bezugspersonen über: Lächelt ihr euer Kind an, lächelt es zurück. Streckt ihr die Zunge heraus, versucht es, euch nachzuahmen. So beginnt das Lernen durch Nachahmen von Vorbildern. Die ersten Nachahmungen geschehen sozusagen „Face to Face“. Die Mundbewegungen, die ersten Geräusche und Gesten – alles, was ihr macht, versucht euer Kind nachzumachen – dazu braucht es direkten (Blick-)Kontakt. Kinder lernen in diesem Kontakt auch das emotionale Gefühlsspektrum kennen und ordnen Handlungen Bedeutungen zu: Lachen steht für Freude, Zunge herausstrecken für Spaß. Aber auch für die Sprachentwicklung ist diese Phase besonders wichtig.

Je jünger ein Kind ist, desto stärker orientiert es sich an anderen Menschen. Für Neugeborene ist die Welt mehr oder weniger ein unbeschriebenes Blatt, alles will entdeckt und eingeordnet werden. Um zu lernen, brauchen Kinder soziale Interaktionen mit Vorbildern, die ihnen durch ihr Verhalten Handlungen und Zusammenhänge zeigen. Blickkontakt und Aufmerksamkeit sind dabei für Babys essenziell – beim Spazierengehen im Kinderwagen, beim Wickeln oder beim gemeinsamen Spielen.

In den ersten Jahren ist der genetisch gesteuerte Nachahmungsantrieb vollkommen unbewusst, legt jedoch die grundlegende Basis für das Verständnis eures Kindes von der Welt, von Beziehungen und Werten.

Im zweiten Lebensjahr kann die Nachahmung schon aus der Erinnerung abgerufen werden und muss nicht „Face to Face“ passieren. Jetzt beginnen Kinder, Szenen aus dem Alltag nachzuspielen. Der Teddy wird im Tonfall der Mutter aufgefordert, die Zähne zu putzen, oder die Puppe wird mit der tiefen Stimme des Vaters gebeten, das Essen zu probieren. Kinder spiegeln ihre Umgebung – sie saugen Verhalten, das sie beobachtet haben, auf und imitieren es. Manchmal erkennen wir uns dann selbst in unseren Kindern wieder und es entstehen lustige Momente. Doch Kinder ahmen uns nicht zum Spaß nach.

Eltern und Bezugspersonen prägen durch ihr Vorbild die emotionale und soziale Entwicklung ihrer Kinder, dabei ist Nachahmung eine zentrale Methode, mit der Kinder soziale, kognitive und emotionale Fähigkeiten entwickeln. Durch Beobachtung und Nachahmung lernen sie, was akzeptabel ist, entwickeln ihre eigene Entscheidungsfähigkeit und einen eigenen Wertekanon, der sich zunächst stark an den Eltern orientiert. Durch Nachahmung bauen Kinder aber auch Bindungen auf und zeigen, dass sie soziale Signale verstehen und Teil einer Gruppe sein wollen.

Mit zunehmendem Alter erweitert sich der Kreis der Vorbilder. Neben Eltern, Geschwistern und Großeltern kommen Gleichaltrige, Erzie­her:innen, Lehrer:innen hinzu, aber auch Serien­helden oder Prominente aus Musik, Film und Sport oder auch Aktivist:innen, die sich für soziale oder politische Themen einsetzen. Je vielfältiger die Vorbilder, desto eigenständiger entwickelt sich das Wertesystem. Dennoch bleiben die Eltern ein Leben lang prägend.

„Ein Vorbild ist eine Person, die anderen mit gutem Beispiel vorangeht.“

Schön wär’s. Tatsächlich ist jeder ein Vorbild – egal ob ein gutes oder schlechtes. Kinder beobachten genau, um die Welt zu begreifen. Ein bewusst positives Vorbild zu sein, heißt, authentisch zu handeln und die Werte vorzuleben, die man vermitteln möchte: Respekt, Empathie, Ehrlichkeit, Freundlichkeit. Das bedeutet nicht, dass ihr perfekt sein müsst. Im Gegenteil, es ist wichtig, euren Kindern zu zeigen, dass Fehler normal sind und dass es darum geht, aus ihnen zu lernen und sich weiterzuentwickeln.

Zum Beispiel wird das Verständnis davon, wie man miteinander kommuniziert und in Beziehung ist, schon sehr früh im Leben geprägt. Aufmerksam zuhören, miteinander im Kontakt sein, all das schaut sich das Kind von euch ab. Und heutzutage spielt dabei auch die Nutzung von Smartphones eine immer stärkere Rolle: Schaut man sich beim Reden an oder tippt man nebenbei eine WhatsApp-Nachricht? Unterbricht das Handy jedes Gespräch? Oder sitzt man beim Spielen gar mit dem Smartphone daneben und ist gedanklich abwesend? Wie präsent ist das Handy im Familienalltag?

Auch Medienerziehung beginnt schon in den ersten Lebensmonaten mit euch als Vorbild. Später über Bildschirmzeiten zu diskutieren, wirkt wenig überzeugend, wenn das Handy immer Priorität hatte: „Ihr macht es doch auch so!“ Denn Vorbilder prägen nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch Verhalten. Deshalb ist authentisches und konsequentes Handeln wichtig, um positive Werte zu vermitteln. Dazu gehört auch, das eigene Verhalten regelmäßig zu hinterfragen: Lebe ich die Werte, die ich meinem Kind vermitteln will?

„Können auch Männer Bundeskanzlerin werden?“

Dieser Satz eines Kindes wurde sogar zum Buchtitel. Eine ganze Generation wuchs mit Angela Merkel als Kanzlerin auf – ein Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Vorbilder die Wahrnehmung prägen. Frauen in Führungspositionen, Männer als Erzieher, junge Menschen, die sich engagieren: Gesellschaftliche Vorbilder beeinflussen Kinder und vor allem Jugendliche. Mit der Jugendzeit grenzen sich viele von den Eltern als primäre Vorbilder ab. Dennoch zeigen Umfragen, dass viele Jugendliche ihre Eltern weiterhin als Vorbilder sehen.

Auch mediale Vorbilder gewinnen an Bedeu­tung. Helden aus Filmen, Spielen oder Social Me­dia inspirieren Kinder und Jugendliche, verschiedene Rollen auszuprobieren. Eigenschaften wie Mut, Ehrlichkeit, Loyalität oder Humor beeindrucken Jugendliche meist besonders.

„Und was sind eure Vorbilder? Und warum?“

Sprecht mit euren Kindern darüber, wen ihr bewundert und wer euch inspiriert. Fragt auch, welche Vorbilder eure Kinder haben und was sie an ihnen schätzen – besonders, wenn ihr glaubt, dass es negative Vorbilder sind. Insbesondere kleinere Kinder könnten glauben, dass deren Verhalten normal und akzeptabel ist. Das betrifft beliebte Influencer:innen oder Sportler:innen genauso wie Serienhelden oder Personen aus dem persönlichen Umfeld. Dies ist eine Gelegenheit, das aufzugreifen und gemeinsam zu besprechen, warum Rassismus, Sexismus, Gewalt oder Drogenmissbrauch nicht akzeptabel sind. Fragt, wie euer Kind das Verhalten eines Vorbilds einschätzt. Fragt, welche Eigenschaften es an seinen Vorbildern faszinieren. Grundsätzlich müsst ihr die Idole eurer Kinder nicht mögen, aber zeigt Interesse. Ein Gespräch über Vorbilder ist immer auch ein Gespräch über (gemeinsame) Werte und Normen. Vorbildlich!

Wir haben mit Kevin Matiszent, Bildungsreferent in der Medienwerkstatt Potsdam im fjs e.V., über die Entwicklung der Medienkompetenz, das erste Smartphone und wann der richtige Zeitpunkt dafür ist und über die verschiedenen Angebote für Eltern und Fachkräfte gesprochen.

Die häufigste Frage ist „Wann ist mein Kind bereit, das erste Smartphone zu bekommen?“ oder „Woran erkenne ich es, dass es okay ist, dass mein Kind jetzt ein Smartphone bekommt?“ Das sind die Standardfragen.

Also meine Antwort dazu ist: Nicht das Alter ist ausschlaggebend, sondern der Entwicklungsstand des Kindes. Hat das Kind das Smartphone verstanden? Weiß es, was Werbung ist? Weiß mein Kind, wenn es einen Influencer oder ein YouTube-Video anschaut, was davon Werbung ist? Hat das Kind schon mitbekommen, dass man Apps auf dem Smartphone einstellen kann? Oder auch Snapchat, TikTok, Instagram und WhatsApp? Kennt es „soziale“ Grenzen – gute Geheimnisse und schlechte Geheimnisse? Hat es eine eigene Stopp-Grenze und kann sagen „Nein, das will ich jetzt nicht mehr, das macht mir ein komisches Gefühl?“ Und weiß es dann auch, wo es hingehen kann, wenn es mit solchen Inhalten auf dem Smartphone konfrontiert wird?

Da empfehle ich einen Mediennutzungsvertrag. Auf der Seite mediennutzungsvertrag.de gibt es ein Tool, mit dem man mit dem Kind zusammen einen gemeinsamen Mediennutzungsvertrag auf­stellen kann. Da geht es um Regeln für die allgemeine tägliche Mediennutzung. Die erste Regel ist sogar eine für Eltern: „Ich informiere mich regelmäßig über die Angebote, die mein Kind nutzt.“ Und: „Wir sprechen über unsere Medienerfahrung“. Dort findet man als Eltern noch weitere Tipps dazu, was man mit einem Kind besprechen sollte. Dass es zum Beispiel wissen sollte, wie man online kommuniziert, dass ebenfalls nicht beschimpft oder beleidigt werden darf, wie in der realen Welt. Was man da ja so manchmal in den Kommentaren liest …

Für die Einstellungen am Smartphone gibt es die Seite medien-kindersicher.de. Dort bekommt man eine – an Erwachsene gerichtete – Erklärung, wie man das Smartphone kindersicher einstellt. Und ich finde dabei wichtig, das Einstellen mit dem Kind zusammen zu machen und auch hier immer wieder im Austausch mit dem Kind zu stehen und zu erklären: „Warum möchte ich, dass du digital nicht komplett frei unterwegs bist?“

Ja, aber das ist eher noch die Ausnahme. Aber es wird präsenter und immer mehr Schulen kümmern sich darum, über das Thema zu sprechen. Aber das ist noch nicht die Regel.

Online gibt es auch einen Surfschein auf internet-abc.de. Das ist eine komplett vertonte Multiple-Choice-Quizabfrage in zwei Varianten, die schön gestaltet ist. So ab 6 Jahren kann man das schon machen. Wenn man das als Elternteil schon einmal vorher durchspielt, weiß man auch, worüber man mit seinem Kind sprechen kann in Bezug auf die Nutzung digitaler Medien.

Das ist hier in der Medienwerkstatt etwas anders. Hier gibt es vorher immer Programme für die Schüler:innen und die Elternabende sind an das Programm gekoppelt – bis dahin, dass die Schüler:innen selbst den Elternabend gestalten. Das ist der nächste Schritt der Elternarbeit: Wir machen etwas mit den Kids und daraus entsteht eine Infoveranstaltung für die Eltern. So haben wir in der Medienwerkstatt eine gute Beteiligung von Eltern und Lehrer:innen erreicht und so werden auch die Schüler:innen zu Multiplikator:innen. Ein weiteres Angebot ist der Eltern-Medientag, der zum neunten Mal am 10. November im Treffpunkt Freizeit stattfinden wird. Hier können Eltern und Kinder gemeinsam Neues entdecken rund um die Themen Medien in der Familie, Gaming, KI, Making und Coding uvm.

Da haben wir Fortbildungen zum Thema Grundlagen der Medienpädagogik oder zum Thema Foto und Film, in den Räumen der Medienwerkstatt, in einer Gruppe von maximal 12 Personen. Coaching für Kitas, Hort- und Jugendeinrichtungen und Beratungsangebote sowie Netzwerkarbeit untereinander bieten wir auch an. Regelmäßig trifft sich zum Beispiel das Netzwerk Medienbildung Potsdam. Unser Video- und Streaming-Studio kann auch gern von kleinen Gruppen genutzt werden.

In der Kita hat das Tablet ja eine ganz andere Aufgabe als vielleicht beim Konsum zuhause. Hier soll mehr erschaffen werden, um auch ein ganz anderes Bild vom Gerät zu schaffen und dafür zu sorgen, dass es wie ein Werkzeug gehandhabt wird. Zum Beispiel mit Stopp-Motion-Filmen: Hier wird geplant und gebastelt – die eigentliche Aktion passiert dann vor der Kamera – und zwei bis drei Kinder müssen hochkommunikativ miteinander sprechen. Oder sie vertonen mit der Audio-Adventure-App ein eigenes Hörbuch. Da kann man sich zum Beispiel auf den Zoobesuch am Tag vorher beziehen, eine Geschichte darüber erzählen, was man dort gemacht hat, und die Tiere vertonen. Es geht immer ums kreativ werden und Nutzen des Tablets dafür. Oder beim Bee-Bot ums Programmieren lernen.

Was mir noch ganz wichtig ist – das Thema „Angst davor, etwas zu verpassen“ gar nicht erst groß werden zu lassen. Das nennt sich heute „Fear of missing out“ (FOMO). Da sind die Eltern auch wieder als Vorbilder gefragt, indem sie zeigen, dass es nicht normal ist, dass das Smartphone 24/7 am Körper klebt. Eine feste Ladestation ist gut, eine Schlafbox für das Telefon und das Kind nicht alleine zu lassen, wenn es nicht gut von selbst aufhören kann. Nicht einfach zu sagen „Du hörst jetzt auf“ und wegzugehen, sondern sich mit dem Kind auseinanderzusetzen – das ist die Aufgabe der Eltern.

Medienpädagogische Angebote für Eltern
Medienpädagogische Angebote für Fachkräfte


Ein weiteres spannendes Interview haben wir mit Dr. Sophie Reimers, Referentin für den Jugendmedienschutz bei der Aktion Kinder- und Jugendschutz Brandenburg e.V. (AKJS) geführt. Dieses Interview findet ihr hier: www.potskids.de/themenbeitrage/akjs-interview-sophie-reimers

Foto: Klinikum Westbrandenburg Kinder- und Jugendklinik, Potsdam

Entwicklung verläuft sehr individuell. Doch wenn Eltern darauf aufmerksam (gemacht) werden, dass sich ihr Kind anders entwickelt als die Altersgenossen, steht meist eine genaue Betrachtung des Entwicklungsstandes an. Wir haben mit der Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Schwerpunkt Neuropädiatrie, Dr. med. Mona Dreesmann über die Angebote des Sozialpädiatrischen Zentrums Potsdam gesprochen.

Welche Kinder und Jugendlichen kommen zu Ihnen ins SPZ?

Zum einen sind es Kinder, bei denen man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit voraussehen kann, dass Entwicklungsprobleme auftreten könnten, zum Beispiel haben sehr früh geborene Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko oder Kinder mit Hirnblutungen. Bei ihnen kann es später zu Bewegungsstörungen, Konzentrationsproblemen oder dergleichen kommen. Oder es wird schon pränatal, also bei der Schwangerschaftsvorsorge, eine Diagnose gestellt wie Trisomie 21, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Entwicklungsprobleme mit sich bringt.

Und dann gibt es Kinder, die erst einmal ganz gesund geboren werden und bei denen beispielsweise durch akute Erkrankungen oder erst im späteren Verlauf auffällt, dass sie sich vielleicht langsamer oder anders entwickeln als erwartet.

Welche Bereiche der Entwicklung meinen Sie?

Es gibt ganz verschiedene Entwicklungsbereiche: Sprache, Motorik, geistige Entwicklung, Sozialverhalten zum Beispiel. Die schauen wir uns dann genau an.

Wie kommen die Kinder und Jugendlichen in der Regel zu Ihnen?

Ganz viele kommen durch die Kinderärzte. Diese arbeiten heutzutage bei ihren U-Untersuchungen mit den sogenannten Grenzsteinen, das heißt, sie stellen zu verschiedenen Fähigkeiten in einem Alter den Eltern Fragen und schauen sich das Kind daraufhin an. Wenn ein bestimmter „Punktescore“ nicht erreicht wird, wird ein Arzt/eine Ärztin erst einmal aufmerksam und bestellt das Kind vielleicht in kürzeren Abstanden ein, um zu schauen, ob die Entwicklung vorangeht oder ob es einfach nur eine kurze Entwicklungspause war und es dann wieder weitergeht. Denn sowas ist völlig normal in der kindlichen Entwicklung. Das kennen viele Eltern, dass ihr Kind vielleicht motorisch tolle Fortschritte macht, aber sprachlich passiert eine Zeit lang wenig. Kaum hat das Kind das freie Laufen erlernt, geht es dann sprachlich weiter. Es ist ganz normal, dass in einem Bereich die Entwicklung auch einmal zum Stillstand kommen kann oder ein Kind sogar etwas wieder verlernt.

Und wann kommen die Kinder dann zu Ihnen?

Wenn die Entwicklung längerfristig stockt, kann es sein, dass die Ärzte die Kinder zu uns schicken. Es sind auch häufig Erzieherinnen, die die Eltern auf Entwicklungsverzögerungen aufmerksam machen. Die Kitas sind insgesamt sehr gut geschult. Dort ist viel passiert in den letzten Jahren, durch das Einführen von strukturierten Entwicklungsgesprächen. Die Erzieherinnen sind diejenigen, die die Kinder jeden Tag erleben, die oft einen guten Eindruck haben in der Langzeitbetrachtung. Doch der Weg zu uns läuft immer über eine Indikation von einem (Kinder-)Arzt.

Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, der im Sozialgesetzbuch verankert ist, und der bedeutet im Prinzip, dass ein Kind dann in einem SPZ angemeldet werden soll, wenn es nicht von einem Kinderarzt oder einer Frühförderstelle ausreichend behandelt werden kann. Wir sind also quasi in der Diagnostikstufe die Letzten in der Kette, was das Thema Entwicklungsstörungen angeht.

Das heißt, hier findet dann die Diagnostik statt und Sie versuchen herauszufinden, wo das Problem genau liegt?

Ja, genau. Es gibt verschiedene Tiefen der Diagnostik: einmal ein Screening, dann eine Basisdiagnostik und gegebenenfalls eine Mehrbereichsdiagnostik.

Screening meint, die Eltern bekommen einen Fragenbogen und geben zum Beispiel an, wie viele Worte ihr Kind sagt. So erfahren wir grob etwas über den Entwicklungsstand. Für die Basisdiagnostik gibt es standardisierte Tests. Das Screening und diese Tests machen teilweise auch die Kinderärzte selbst.

Und in der Mehrbereichsdiagnostik werden die verschiedenen Bereiche der Entwicklungsstörungen betrachtet. Wir schauen neben dem Lebensumfeld des Kindes dann auch, ob es zum Beispiel neben der Sprachstörung noch motorische oder geistige Entwicklungsstörungen gibt.

Was erwartet die Eltern bei einer Diagnostik hier vor Ort genau?

Die Eltern bekommen zunächst einmal einen Fragebogen, der viele Bereiche abbildet, damit wir einige Vorinformationen haben: den Vorstellungsgrund und dann natürlich die ganze Vorgeschichte vom Kind, Schwangerschaft, Geburt, Erkrankungen etc. Das sind für uns sehr wichtige Informationen, um eine erste Einschätzung vornehmen zu können. Es ist für uns auch gut, wenn es Berichte aus der Kita oder vom Kinderarzt gibt, die wir einbeziehen können. Dann versuchen wir, uns aufgrund der Informationen erst einmal ein Bild zu machen und bei Terminen dann unsere verschiedenen Fachgebiete hinzuzuziehen, wie Kinderarzt, Psychologen, Heilpädagogin, Sprach-, Physio- oder Ergotherapeuten.

Eine kurze Zwischenfrage: Wenn die Eltern den Bogen nicht selbst ausfüllen können oder sich damit überfordert fühlen, gibt es dann Unterstützung?

Ja, gegebenenfalls gibt es Unterstützung beim Ausfüllen, wir betreuen zum Beispiel ja auch Kinder von Geflüchteten. Oder der Kinderarzt kann helfen. Da findet sich immer ein Weg.

Und beim ersten Termin?

Die Eltern lernen erst einmal den zuständigen Arzt kennen, dafür nehmen wir uns in der Regel viel Zeit, so 1,5 Stunden. Dort wird das Gespräch mit den Eltern geführt und parallel das Verhalten des Kindes beobachtet: wie agiert es? Ist es sehr still oder räumt es das ganze Zimmer aus? Wie bewegt es sich? Wie ist die Interaktion? Nimmt es Blickkontakt auf? Kann es sich altersentsprechend unterhalten? Kann es sich selbst gut regulieren oder weint es die ganze Zeit? etc. So entsteht ein erster Eindruck. Dann gibt es eine ganz normale körperliche Untersuchung.

Bei weiteren Terminen stehen zum Beispiel die Sprachdiagnostik oder heilpädagogische Diagnostik im Mittelpunkt. Oder vielleicht ein Intelligenztest, wenn es in Richtung Schule geht.

Und dann läuft hinter den Kulissen relativ viel. Es gibt Teambesprechungen, bei denen wir alles zusammentragen, uns über Fördermaßnahmen Gedanken machen oder wo über spezielle Unterstützungen auch für die Eltern gesprochen wird. Es ist eine Idee in den SPZ, dass man quasi den Blick etwas weitet und das Kind im Kontext der Umgebung sieht, in der es aufwächst.

Was möchten Sie bei der Diagnostik genau herausfinden?

Einmal geht es um das Feststellen des Entwicklungsstandes – also ob ist das Kind altersgerecht entwickelt ist – in Sprache, Kognition etc. Oder gibt es Auffälligkeiten, eine große Abweichung von dem, was das Kind eigentlich können müsste? An dem Punkt machen wir uns Gedanken, ob nicht doch eine Grunderkrankung vorliegen kann.

Bei Ihnen ist also ein wichtiger Schwerpunkt die Diagnostik der potentiell dahinterstehenden Grunderkrankung?

Genau. Das ist der medizinische Hintergrund, der parallel betrachtet wird. Wobei man sagen muss, dass es für uns Neuro- und Sozialpädiater eine Revolution ist, dass man heute so viel genetisch herausfinden kann. So können wir häufig eine konkrete Diagnose bei schweren Entwicklungsstörungen stellen, wenn dies von den Eltern gewünscht ist. Laut wissenschaftlichen Studien ist es meist eine Entlastung für die Eltern, den Grund zu wissen – dass es zum Beispiel nicht an fehlender Kompetenz bei der Erziehung liegt, sondern dass Kinder und Jugendliche mit derselben Diagnose auch diese Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensauffälligkeiten haben.

Ziel ist es dabei, die richtigen Fördermöglichkeiten zu empfehlen, dazu gehören unter anderem Therapien oder eine Integrations-Kita. Für viele Eltern ist es auch wichtig, dass sie eine realistische Prognose zu den Entwicklungsmöglichkeiten ihres Kindes erhalten.

Es gibt natürlich auch Kinder, die eine Aufholentwicklung zeigen, das heißt, die zum Beispiel mit der entsprechenden Förderung bei schweren Sprachauffälligkeiten für das spätere Berufsleben eine gute Ausbildungsprognose haben. Wir haben hier natürlich auch viele Patienten, wo uns klar ist, das es sich vermutlich nicht „auswächst“.

Wie reagieren die Eltern auf eine solche Diagnose?

Das ist ganz unterschiedlich – auch innerhalb von Paaren. Einige möchten möglichst ganz genau wissen: Kann mein Kind später selbständig leben oder wird es in einer Behinderten-WG wohnen und in einer Behinderten-Werkstatt arbeiten? Und andere, die leben im Hier und Jetzt und sagen: „Ich finde mein Kind toll, so, wie es jetzt ist. Und ob es auf eine normale Schule geht oder auf eine Förderschule, ist mir eigentlich egal. Mein Kind ist jetzt 1,5 Jahre alt und ich möchte das gar nicht wissen.“ Jeder hat andere Bewältigungsstrategien.

Bieten Sie auch Unterstützung für die Eltern an oder gibt es dafür eher Selbsthilfegruppen?

Wir bieten immer an, mit einem unserer Psychologen zu sprechen, als Paar oder auch alleine. Es ist ganz wichtig, die Eltern zu begleiten. Oftmals ist das Thema ja nicht etwas, das vielleicht nach einem halben Jahr verarbeitet ist. Es ist ja gegebenenfalls eine lebenslange Begleitproblematik, die immer mitschwingt.

Das ist für viele Eltern keine einfache Aufgabe, dies alles ins Leben zu integrieren. Aber es gibt wirklich viele Eltern, vor denen ich den Hut ziehe, was die alles leisten! Zumal meiner Meinung nach die Gesellschaft ihnen viel zu wenig Wertschätzung entgegenbringt.

Selbsthilfe ist auch immer gut, da sind viele von unseren Eltern ganz engagiert, finden vielleicht im Angesicht der neuen Situation Aufgaben, helfen einander. Das halte ich für eine tolle Bewältigungsstrategie. Viele können sich da wirklich auf die Schulter klopfen!

Welche staatlichen Unterstützungen gibt es für die Familien?

Was der Staat an sozialrechtlichen Möglichkeiten anbietet, ist sicherlich mehr als in anderen Ländern, aber es ist oft mit sehr vielen Antragsformularen, Widersprüchen und so weiter verbunden. Das finde ich manchmal beschämend. Da versuchen wir ebenfalls, die Eltern zu unterstützen.

Es gibt Eltern, die gut mit der Beeinträchtigung ihres Kindes umgehen können, für die aber der Zeitaufwand für das ganze Drumherum – Anträge, Termine etc. – enorm belastend ist, weil es manchmal mehrere Stunden die Woche in Anspruch nimmt. Das würde ich mir für die Familien anders wünschen.

Viele Kinder lassen sich auch nicht einfach so in „antraggerechte Kategorien“ stecken und dann wird es manchmal schwierig. Wir machen dazu Strategiegespräche, zu denen wir Jugendamt, Sozialamt, Kita, Pflegedienst und Einzelfallhelfer zusammen einladen und uns gemeinsam besprechen. Die Idee ist ja eigentlich, dass wir immer vom Kind und von der Familie aus denken: Was hat das Kind für eine Besonderheit, welche Stärken und Schwächen, wie kann das Kind gut lernen in Kita und Schule? Und welche Betreuungsangebote gibt es, so dass die Eltern beruhigt zur Arbeit fahren können? Oft klappt das super. Ich sehe das als einen Teil der Aufgaben der SPZ, hier den Eltern Unterstützungsangebote aufzuzeigen.

Deshalb ist es gut, wenn es Möglichkeiten wie das SPZ gibt, wo man begleitet werden kann und nicht alleine mit dem Thema ist.

Das heißt, Sie sind nicht nur hier interdisziplinär aufgestellt, sondern auch in ganz Potsdam gut vernetzt, um die Unterstützung für die Familien gewährleisten zu können?

Genau. Es gibt zum Beispiel die Frühförderstellen. Die sind total engagiert und wir arbeiten ganz eng zusammen – auch außerhalb von Potsdam – weil unser Einzugsgebiet größer ist. Im Land Brandenburg sind die Frühförderstellen noch hauptsächlich heilpädagogisch aufgestellt, so dass wir hier den Weg noch nicht ganz abgeschlossen haben in die interdisziplinäre Frühförderung, was das Bundesteilhabegesetz eigentlich vorsieht.

Machen Sie hier auch Therapie?

Wenig. Oft nur, um ein Kind in der Entwicklung noch einmal über einen Zeitraum genauer zu betrachten. Wir haben aber eine Musiktherapeutin hier für einen Tag pro Woche. Und viele Gruppenangebote, wie Konzentrationstraining für Kinder mit ADHS oder eine Gruppe für an Epilepsie erkrankte Kinder und deren Eltern. Aber auch zu Erziehungskompetenzen. Erziehungsaufgaben verändern sich im Angesicht von schwierigen Situationen, den anspruchsvollen Leistungen, die Eltern erbringen, und den Sorgen, die sie haben. Das kann eine sehr große Belastung sein, wenn man nicht nur dem normalen Erziehungs- und Begleitungsauftrag nachkommen soll, sondern noch einiges mehr aushalten muss.

Zudem gibt es natürlich medikamentöse Therapien und wir verordnen sehr viele Heilmittel, wie Sprach-, Ergo- oder Physiotherapie. Aber auch Hilfsmittel, wie Rollstühle, Talker etc.

Bis zu welchem Alter kommen die Kinder und Jugendlichen zu Ihnen?

Von 0 bis 18 Jahren. Als Kinder und Jugendärzte kennen wir uns auch ganz gut mit der Jugendproblematik aus. Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher mit 16 Jahren eine Epilepsie entwickelt, dann ist das nicht einfach, denn eigentliche befindet er sich im Ablöseprozess vom Elternhaus, und die sitzen vielleicht da und machen sich große Sorgen. Da kann ein Jugendlicher in eine ganz schöne Lebenskrise geraten, wenn sich plötzlich viele Zukunftsaussichten verändern … er darf vielleicht keinen Führerschein machen und auch die Berufswahl ist eingeschränkt.

Gibt es lange Wartezeiten im SPZ?

Man hat zunächst tatsächlich relativ lange Wartezeiten, leider. Akut Erkrankte haben natürlich Vorrang, zum Beispiel bei Verdacht auf Epilepsie. Bei allgemeinen Entwicklungsstörungen im Kitaalter beträgt die Wartezeit mitunter vier bis sechs Monate und Schulkinder warten leider auch schon mal über ein halbes Jahr.

Was sollten Eltern Ihrer Meinung nach noch wissen?

Wir richten hier auftragsgemäß natürlich den Blick vorrangig auf die Defizite der Kinder und Jugendlichen. Aber wir empfehlen gerne auch Angebote, die den Kindern unabhängige, positive Erfahrungen in anderen Bereichen ermöglichen, wie Sport- oder Musikgruppen. Es ist wichtig für alle, den Blick nicht nur auf die Problematik zu richten, sondern sich immer auch auf die Suche nach den Stärken zu machen, um zu versuchen, Perspektiven aufzuzeigen. Und dabei nicht immer an den schulischen Kontext zu denken. Auch Kinder mit einer schweren LRS oder Konzentrationsproblemen können später im Berufsleben und im Leben allgemein glücklich und erfolgreich sein. Wichtig ist, dass man den Kindern und Jugendlichen sagt: „Du kannst wirklich an dich glauben!“

Infos: www.klinikumwb.de/neuro-und-sozialpaediatrie-potsdam/sozialpaediatrisches-zentrum
Adresse: Horstweg 8a, 14482 Potsdam

Das SPZ Potsdam ist eine der 160 ärztlich geleiteten, multidisziplinären SPZ-Einrichtungen deutschlandweit!

In immer mehr Familien wird aus Zeitgründen, aufgrund mangelnder Kochkenntnisse, aus Bequemlichkeit oder auch Geldnot nur wenig selbst gekocht.

Doch gesundes Essen kann man Kindern am besten über das Kochen vermitteln. Das sinnliche Erfahren – Anfassen, Riechen und Schmecken – und das Erlernen von Fertigkeiten im Umgang mit Lebensmitteln ist ein Schritt zum Aufbau einer weitreichenden Lebenskompetenz, die nicht unterschätzt werden sollte. Und es macht Spaß! 

Wenn Kinder selbst Hand anlegen, schnippeln, rühren, braten, backen, würzen, riechen und anschließend schmecken, was sie aus den Nahrungsmitteln gezaubert haben, ist das eine wichtige ganzheitliche Erfahrung. Da wir Erwachsenen im Kochen oftmals nur noch eine notwendige Handlung sehen und vielleicht nur zu besonderen Anlässen viel Zeit dafür investieren, übersehen wir leicht, wie umfassend bildend das gemeinsame Kochen ist.

  • Gemeinsames Kochen stärkt die Beziehung zwischen Eltern und Kind.
  • Vom Einkaufen der Zutaten bis zum Verzehr können auch schon junge Kinder mitwirken. Der Prozess der Entstehung eines Produktes wird von Anfang bis Ende erfahren.
  • Die Sinne werden beteiligt: Schmecken, Fühlen, Riechen, Sehen – und wenn man in das knackige Gemüse beißt, sogar das Hören.
  • Die Kinder erleben sich als selbstwirksam und es entsteht ein wertvolles Endprodukt von echtem Nutzen und Genuss.
  • Feinmotorische und koordinatorische Fähigkeiten werden geschult.
  • Selbstgekochtes Essen ist meist viel gesünder als Fertigessen. Regelmäßig selbst zu kochen, schafft die Grundlage für eine gesunde Ernährung.

Je nach motorischen Fähigkeiten können auch schon ganz kleine Kinder mitmachen. Erbsen pulen, Möhren schrubben oder schälen, Teig kneten und später dann Gemüse schneiden, im Topf umrühren, würzen … natürlich immer unter der Aufsicht von Erwachsenen. Plant am besten etwas mehr Zeit ein!

Tipp: Stellt mit eurem Kind selbst ein Kochbuch zusammen mit ganz persönlichen Lieblingsrezepten und vielleicht eigenen Fotos vom Ergebnis.

Zum Weiterlesen: Die Zwergenstübchen-Kochbücher eignen sich sehr gut zum gemeinsamen Kochen und Backen. Die etwas Retro anmutenden Bücher sind auch gut geeignet für kleinere Kinder und es gibt eine große Auswahl von ihnen – so ist für jeden Geschmack etwas dabei.
Das neuste ist „Das große Backbuch“, ISBN 978-3-7806-2035-4, 14,95 €