
Potsdam möchte bis 2027 eine Armutspräventionsstrategie erarbeiten, die insbesondere Kinder- und Familienarmut in den Fokus nimmt. Kern dieser Armutspräventionsstrategie soll neben der Gründung eines „Bündnisses gegen Armut“ die Erstellung eines Armutspräventionskonzeptes sein. Julia Nina Baumann ist die zuständige Fachkoordination für Armutsprävention im Fachbereich: „Soziales und Inklusion für dieses Vorhaben und hat im Herbst 2025 die erste Potsdamer Armutskonferenz organisiert. Wir haben mit ihr ein Interview geführt.
Frau Baumann, was ist Ihre Aufgabe als Fachkoordination für Armutsprävention?
„Ich bin angestellt im Projekt „Erarbeitung einer Gesamtstrategie zur Armutsprävention für die Landeshauptstadt Potsdam“. Das ist ein Projekt des Landesprogramms „Stark vor Ort“ und wir finanziert durch Landesmittel und ESF Plus Mittel, also Europäisch Mittel, sowie einen Eigenanteil der Landeshauptstadt Potsdam“
Dieses Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, in zwei verschiedenen Varianten explizit Kinderarmut beziehungsweise Familienarmut im Land Brandenburg zu bekämpfen.
Dazu gibt es so eine Art strategische Herangehensweise, das betrifft eher die kommunale Seite – da bin auch ich verortet. Es geht darum, einmal von oben auf das Thema zu blicken und zu schauen: Was können Kommunen denn überhaupt tun? Was sind die großen Fragen, die sich Kommunen stellen müssen? Was gibt es vielleicht auch schon in den Kommunen? Und wie kann man überhaupt diese vielen, vielen verschiedenen Themen und Mitarbeiter:innen, die sich mit dem Thema beschäftigen, zusammenbringen?
In der Verwaltung beschäftigt man sich ja meistens mit Zielgruppen. Die Jugendhilfeplanerin beispielsweise beschäftigt sich mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche. Die Schulplanerin wiederum beschäftigt sich mit Schulen. Alles ist sehr in Bereiche organisiert. Das kann man bei Armut aber nicht machen. Armut ist ein Thema, das sehr viele Personen betrifft, in ganz unterschiedlichen Lebenslagen, unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft. Es ist also ein Thema, das wesentlich allumfassender und ganzheitlicher angeschaut werden muss. Und hier müssen sich die Kommunen überlegen, wie sie diese vielen einzelnen Planungen, Projekte und Angebote zusammenbringen. Das ist so in etwa meine Aufgabe hier in Potsdam.
Konkret bedeutet das, dass ich eine Gesamtstrategie für die Landeshauptstadt Potsdam entwickle – und zwar nicht nur für Kinder, Jugendliche und Familien. Wir haben dafür einen ganzheitlicheren Blick gewählt. Denn das Thema Armut begleitet Menschen eventuell ein ganzes Leben lang – das arme Kind von heute ist wahrscheinlich auch der arme Senior oder die arme Seniorin von morgen – und deshalb muss man langfristiger planen und mitdenken. Auch wenn das Projekt weiterhin einen gewissen Fokus auf Kinder und Familien hat.
Es gibt aber in dem Projekt auch noch einen zweiten Fördertopf, der ist vor allem für Träger gedacht. Und die entwickeln wirklich ganz klassische Maßnahmen zur Armutsprävention, sozusagen direkt für die betroffenen Menschen. Hier gibt es auch sehr viele Träger in Potsdam, die einen Zuschlag bekommen haben, was uns sehr freut, und die sind auch durch dieses Landesprogramm mitgefördert.
Letzten Herbst fand in Potsdam die erste Armutskonferenz statt. Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten Ergebnisse dieser Veranstaltung?
Die Konferenz war eine von mehreren, die geplant sind. Das ist Teil des sogenannten Beteiligungsmanagements, denn es ist wichtig, mit möglichst vielen Personen zu sprechen, die mit von Armut betroffenen Menschen tatsächlich zu tun haben. Das sind zunächst die Kolleg:innen in der Verwaltung, die beispielsweise beim Bürgergeld oder Wohngeld direkt mit Kund:innen in Kontakt stehen. Aber auch Sozialarbeiter:innen und so weiter. Und dann natürlich die Mitarbeiter:innen von Trägern, die in den verschiedenen Einrichtungen in Potsdam arbeiten. Außerdem Vertreter:innen aus der Politik und Wissenschaft.
Wir haben festgestellt, wir sind in Potsdam insgesamt sehr gut aufgestellt. Aber es hat sich auch herauskristallisiert, dass die Träger untereinander sich noch viel stärker vernetzen könnten. Ein Thema war dazu auch: Wie kann man diese schon bestehenden Angebote noch ein bisschen effizienter nutzbar machen? Das Thema müssen wir auch angehen, denn wir sind nun mal momentan in einer etwas schwierigen Haushaltslage in den Kommunen.
Ein weiterer Punkt war, dass die Angebote, die es bereits gibt, in der Öffentlichkeit noch bekannter werden könnten – auch untereinander.
Aber Potsdam ist auch eine Stadt mit einer besonderen Lage: Potsdam hat den Ruf, reich zu sein, also man kommt irgendwo hin und alle sagen: Was will man denn mit dem Thema „Armut“ in Potsdam? Weil natürlich alle dieses Bild haben von dieser tollen Stadt, mit der tollen Architektur und von den reichen Leuten, die da leben. Die leben hier ja auch, aber es gibt eben auch andere Menschen, denen es finanziell nicht so gut geht.
Diese Situation führt zu einer starken Segregation. Wenn man sich mal die Statistiken anschaut, haben wir in den nördlichen Stadtteilen Potsdams Zahlen zum Thema Armutsgefährdung, die sind teilweise so weit unter dem Bundesdurchschnitt, dass man sie fast schon vernachlässigen kann. Trotzdem kann man auch da sagen, das armutsbetroffene Kind, das in einem eher reichen Stadtteil lebt, muss trotzdem beachtet werden.
Und dann haben wir den Schlaatz, die Waldstadt und so weiter, dort haben wir teilweise über ein Viertel der Bevölkerung, die armutsgefährdet ist.
Wichtig ist: Armut ist ja mehr als finanzielle Armut. Und gerade in unserem Ansatz hier geht es eben nicht nur darum zu sagen, es braucht die Summe X, damit man nicht arm ist, sondern es geht auch darum, eine soziale und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Auch da haben wir einfach festgestellt, dass das derzeit schwierige Themen sind. Wenn wir parallel vor so großen finanziellen Herausforderungen stehen, stellt sich die Frage: Was ist überhaupt möglich von Seiten der Stadt? Gleichzeitig ist es aber auch so, dass die vielen Angebote, die es bereits gibt, schon eine gute Basis in Potsdam bieten.
Sie haben mir das Protokoll der Armutskonferenz geschickt. Mir ist aufgefallen, dass alle Arbeitsgruppen im Grunde angemerkt haben: Die bürokratischen Hürden, zum Beispiel für die Nutzung des Bildungs- und Teilhabepakets (BuT), sind für viele zu hoch …
Also, das ist immer ein Thema. Und es ist eine Herausforderung. Zu armutssensiblem Handeln (Link zu Info-Artikel „Was ist armutssensibles Handeln?“) gehört, dass Informationen niedrigschwellig zur Verfügung stehen müssen.
Und jetzt kommt es natürlich darauf an, über welche Angebote in der Verwaltung wir sprechen. Natürlich ist es so, dass wir immer damit beschäftigt sind, und auch in vielen Arbeitsgruppensitzungen darüber sprechen, wie man eben solche armutssensiblen Schreibweisen – und Sprechweisen – etablieren kann in der Verwaltung.
Letztlich müsste man aber, auch bei BuT, einen Weg finden, der tatsächlich Bürokratie abbaut und Zugänge erleichtert. Und da stehen wir einfach immer vor der Herausforderung, dass wir an Landes- und Bundesvorgaben gebunden sind, die rechtlich erfüllt werden müssen. Es ist nicht so einfach, aber wir sind da dran.
Das, was Potsdam zu den BuT-Verfahren auf jeden Fall jetzt schon macht, ist ein sogenannter „vereinfachter Antrag“. Das bedeutet, dass man nicht mehr alles einzeln beantragen muss. Also Schulmaterialien, Zuschuss zum Mittagessen, was auch immer, wären ja sonst eigentlich alles Einzelanträge – es gibt dazu einen Gesamtantrag, in dem nur einzelne Dinge rausfallen. Hinzu kommt, dass bei der Bearbeitung möglichst entsprechend priorisiert wird, gerade bei Härtefällen oder zum Beispiel bei Klassenfahrten, wo man ja einen Stichtag hat. Die sollen schnell beantwortet werden. Ich kann außerdem sagen, dass sich gerade beim Bildung- und Teilhabepaket in Potsdam in diesem Jahr noch einiges ändern wird, das hoffentlich ebenfalls zu einer Erleichterung für die Antragsstellenden führt.
Ich habe auch gelesen, die Beteiligung von Betroffenen in diesem Projekt ist erwünscht. Haben Sie eine Vorstellung, wie das umgesetzt werden könnte?
Ja, das ist ein schwieriges Thema, das mir aber sehr am Herzen liegt. Und wo wir auch immer wieder in der Kritik stehen und gefragt wird: „Warum spricht auf der Armutskonferenz niemand, der betroffen ist?“ Das hat einfach den Grund, dass es sehr, sehr schwierig ist, Personen sensibel einzubinden, ohne sie vorzuführen.
Man stelle sich vor, ich würde jetzt sagen: „Hier ist die armutsbetroffene Person XY, hier ist deine Bühne – na jetzt erzähl doch mal, wie ist es denn, arm zu sein?“ Da würde ich nicht armutssensibel handeln, schon gar nicht als Vertreterin der Verwaltung. Man muss sich gut überlegen: Wie können wir ein Umfeld schaffen, wo armutsbetroffene Menschen sich tatsächlich einbringen können? Das ist absolut erwünscht!
Es gibt in Potsdam ja verschiedene Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Wenn es um Kinder und Jugendliche geht, haben wir ja jetzt den Kinder- und Jugendrat, wo eine Beteiligung absolut erwünscht ist und wo eine sehr niedrigschwellige Anmeldung von Themen möglich ist. Man muss auch nicht dort hingehen, man kann auch eine E-Mail schreiben oder einen Brief. Aber man muss auch sagen, dass in vielen Beteiligungsformaten armutsbetroffene Familien eher weniger auftreten.
Gerade das Thema Armut ist sehr eng mit dem Thema Scham verknüpft und da ist es einfach schwierig, auch von uns aus an Personen heranzutreten. Hier können wir nur Angebote machen und es wäre schön, wenn die Menschen den Mut finden, hier mitzumachen. Tatsächlich wäre es auch auf der Armutskonferenz jederzeit möglich gewesen für interessierte Bürger und Bürgerinnen, zu kommen – es waren auch ein paar da.
Was werden auf der nächsten Konferenz in diesem Herbst die Themen sein?
Wir sind dazu in die Absprache mit der Verwaltung gegangen, auch um zu schauen: Was ist denn aus Verwaltungssicht schon da? Wo sind die Themen, auf die wir uns in den nächsten Jahren konzentrieren müssen? Und wo können wir Synergien aufbauen?
Mit diesen Themen und der Idee, dann konkrete Maßnahmen zu entwickeln, werde ich auf die nächste Konferenz gehen. Ich kann jetzt nicht voraussagen, was da passieren wird, weil alles ja ein offener Prozess ist. Und das soll ja auch so sein. Es wird Themen geben, die werden wir ad hoc nicht lösen können, gerade was die Wohnraumsituation angeht – auch wenn die Kommune da hinterher ist – zaubern können wir leider auch nicht.
Wir werden versuchen, Synergien und einen stärkeren Austausch zu schaffen. Das ist eines der größten Ziele für diese Konferenz. Dazu wird auch ein Bündnis gegründet werden, als Netzwerkstruktur, damit wir überhaupt mal eine Struktur für die ganzen Akteure und Akteurinnen haben, die sich mit dem Thema beschäftigen.
Wenn alles gut läuft, dann haben wir wirklich die Chance, auch untereinander Ressourcen zu nutzen, und das geht ja auch noch weiter. Wenn wir sagen, wir haben in den Kommunen nicht so viel Geld, dann trifft das die Träger natürlich auch. Aber es gibt ja vielleicht an anderer Stelle noch Geld. Ich selbst bin ja durch europäisches und Landesgeld finanziert. Auch mit nichtkommunalen Geldern können wieder Projekte entstehen.
Das Bündnis soll „Bündnis gegen Armut“ heißen, oder?
Ja, genau. Und das Ziel ist natürlich schon, dass wir am Ende aus der Konferenz mit einem Maßnahmenplan herausgehen. Und der soll dann schon 2027 in einem Armutspräventionskonzept in der Stadtverordnetenversammlung hoffentlich beschlossen werden.
Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei Ihren Vorhaben!