Das Familienmagazin für Potsdam und Umgebung

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Das Familienmagazin für Potsdam und Umgebung

Foto: Katharina Roesler

Interview mit Franziska Löffler

Wir haben mit Franziska Löffler vom AWO Büro KINDER(ar)MUT ein Interview geführt. Auch wenn der Begriff „Armut” im Namen steckt, geht es um viel mehr: Im AWO Büro KINDER(ar)MUT sind alle Familien willkommen, die sich in einer finanziell schwierigen Situation befinden, Probleme oder Fragen haben und Beratung suchen – auch wenn die Themen abseits vom reinen Thema „Finanzen“ liegen.

Das  AWO Büro KINDER(ar)MUT versteht sich als Netzwerk-, Kontakt- und Beratungsstelle für Familien – vor allem für die, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Aber ehrlich gesagt: Wir sind auch einfach für alle Familien da, die gerade in einer Notlage sind oder nur mal eine Frage haben. Zum Beispiel, wenn jemand ganz neu alleinerziehend ist und denkt: „Was brauche ich jetzt eigentlich?“ oder „Habt ihr Tipps für mich?“

Ja, auf jeden Fall die Beratung zu familienunterstützenden Leistungen. Da geht’s oft erstmal darum zu verstehen: „Habe ich Anspruch auf Kinderzuschlag? Bekomme ich Wohngeld? Wie beantrage ich Bildungs- und Teilhabeleistungen? Kann ich kostenloses Schulmittagessen bekommen?“
Und manchmal ist es auch schon ein riesiger Schritt, überhaupt einen Widerspruch zu schreiben. Dieser ganze Antragsdschungel – da muss man sich erstmal durchkämpfen und verstehen, wie das alles funktioniert.

Uns geht es dabei immer um Hilfe zur Selbsthilfe. Also: gut erklären, dranbleiben, vielleicht auch mehrmals gemeinsam Anträge ausfüllen – damit Familien es irgendwann selbst hinbekommen.
Aber erstmal müssen viele das System überhaupt verstehen – gerade Familien mit Migrationshintergrund, wo oft noch Sprachbarrieren dazukommen. Viele sind einfach überfordert von der Bürokratie oder fragen sich: „Muss ich das jetzt digital machen? Brauche ich dafür eine App vom Jobcenter?“

Und am Ende ist es so: Jede Familie bringt ihre eigene Situation mit. Klar, wir kennen die Abläufe und Zuständigkeiten – aber es gibt fast immer etwas Besonderes. Das sortieren wir dann gemeinsam, bis die Familie sich wieder selbst organisieren kann.

In erster Linie sind das natürlich Wohngeld, Kinderzuschlag, Bildungs- und Teilhabeleistungen, Kindergeld und Unterhaltsvorschuss. Dann gibt es auch noch spezifischere Leistungen, zum Beispiel Schüler-BAföG ab der 11. Klasse, Zuschüsse für Familienurlaube und Ferienfahrtenzuschüsse, Anträge bei Kultür u.v.m.

Wir arbeiten mit vielen anderen sozialen Einrichtungen und auch vielen Potsdamer Unternehmen zusammen und schauen, wo wir zusätzliche Hilfe bekommen – zum Beispiel über unsere Spendenprojekte. Außerdem sind wir Beratungsstelle für die „Stiftung Hilfe für Familien in Not“ im Land Brandenburg. Da stellen wir gemeinsam mit den Familien Anträge – etwa 10 bis 15 im Jahr, für wirklich sehr schwere Krisensituationen.

Unsere Einrichtung AWO Büro KINDER(ar)MUT ist also auf der einen Seite die Beratungsstelle und auf der anderen Seite beinhaltet sie viele unterstützende Projekte und Angebote für die gesamte Familien, zum Beispiel kostenfreie Stadtteilfrühstücke, Bildungsbegleitung für Kinder und Jugendliche, Elterncafés, Elternschule, interkulturelle Veranstaltungen und Aktionen und vieles mehr.  Ein guter Überblick über alle Angebote befindet sich auf unserer Webseite.  Zusätzlich versuchen wir, über Spendenprojekte, Kindern und Jugendlichen noch mehr zu ermöglichen – gerade da, wo Eltern sich das nicht leisten können. Das reicht von Hobbys für Jugendliche („Frühblüher“) über digitale Endgeräte bis hin zu Schwimmkursen („Wellenreiter“).

Ein großes Thema sind auch Schulmaterialien, vor allem zur Einschulung. Das Projekt nennen wir „Fit in die Schule“. Hier stellen wir kostenlos Materialien zur Verfügung und organisieren auch gemeinsames Schultütenbasteln für Eltern, diese Termine finden von Mai bis Juli statt. Das alles wird gespendet – von Unternehmen, Vereinen oder Privatpersonen.

Unser Ziel ist: Jedes Kind soll am ersten Schultag alles haben, was es braucht, um gut lernen zu können. Das bedeutet, alles, was es für eine gute Bildung braucht, sollte in Kita und Schulen vorhanden sein, vom Bleistift über das Schulbuch bis hin zu Frühstück und Mittagessen. Für diese Struktur bin ich, ehrlich gesagt, eine klare Verfechterin.

Das wäre schön. Gibt es aber so nicht. Man kann das über „Bildung und Teilhabe“ (BuT) beantragen – aber nur, wenn man bestimmte, so genannte Transferleistungen wie Jobcenterleistungen oder zum Beispiel Wohngeld bekommt. Ein Problem dabei ist: Die Familien müssen hier erstmal in Vorleistung gehen. Sie müssen den Antrag stellen, oft alle sechs Monate neu, und die Bearbeitung dauert nicht selten mehrere Monate. Das heißt: Familien sollen Geld auslegen, das sie gar nicht haben. Und das ist einfach ein riesiges Problem, weil wenige Familien in ihrer Lebenssituation Rücklagen haben. Wenn sie wollen, dass ihre Kinder Mittagessen bekommen, müssen sie also zwangsläufig Schulden machen. Das ist nicht nur schwierig, sondern auch herabwürdigend.

Wenn man also weiß, dass armutsbetroffene Familien nicht in Vorleistung gehen können, dann dürften wir doch eigentlich kein System haben, das voraussetzt, dass die Menschen in Vorleistung gehen – das ist doch absurd.

Und dann sitzt man da auch als Sozialarbeiter:in und denkt: Eigentlich will ich doch nur, dass die Kinder Mittagessen bekommen. Daher setzt sich der AWO Bezirksverband Potsdam mit der im März 2026 gestarteten Volksinitiative „Gerechtigkeit is(s)t besser“ für die Einführung eines gebührenfreien und gesunden Mittagessens für Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 6 im Land Brandenburg ein.

Total. Und genau deshalb sagen wir: Unsere Aufgabe als Beratungsstelle ist es, sie dabei zu unterstützen: „Wir stehen an eurer Seite. Ihr müsst da nicht alleine durch.“ Und gleichzeitig versuchen wir, über unsere AWO-Spendenprojekte zumindest punktuell zu entlasten – gerade bei Familien, die ohnehin schon erschöpft sind.

Das wäre wirklich sinnvoll – wenn wir so eine Art Stiftung hätten, die das unkompliziert anbieten könnte. Gerade für Einzelfälle. Denn wenn man einmal aus dem System rausfällt und kein Netzwerk hat, wird es richtig schwierig.

Genau. Unser Hauptaugenmerk ist, dass wir uns wirklich gut mit anderen Einrichtungen in Potsdam vernetzen, um gezielt Angebote für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu schaffen. Das funktioniert einfach am besten, wenn man mit Begegnungshäusern und Kultureinrichtungen zusammenarbeitet. Man muss sich vernetzen – gerade auch in Zeiten, in denen die Gelder knapper werden – damit wir trotzdem gute und passende Angebote machen können.

Und wir haben immerhin über das Förderprogramm „Stark vor Ort“ eine ESF-Förderung für drei Jahre bekommen. Daraus ist unser Projekt „Gemeinsam wachsen“ entstanden: mit Elterncafés, Coaching für Alleinerziehende und einer Elternschule.

Genau, und die Elternschule bauen wir gerade weiter aus. Ziel ist, dass es hierüber regelmäßig Angebote vor Ort und auch online gibt, wie  Workshops für Eltern.

Und genauso bei „Hurra, es ist Sonntag“, dem Brunch für Alleinerziehende oder den Stadteilfrühstücken: Man kann einfach hingehen, Leute treffen, sich austauschen. Sich vielleicht ein Netzwerk aufbauen. Uns ist wichtig: Es geht nicht nur um das Thema „Armut“. Es geht um Familien mit Fragen, mit Herausforderungen – egal welcher Art. Notlagen sind ja nicht nur finanziell.

Viele rufen einfach an und machen einen Termin. Dann kommen sie vorbei – entweder hier oder an einem unserer anderen Standorte. Oder sie kommen erstmal zu einem offenen Angebot wie einem der genannten Elterncafés oder Stadtteilfrühstücke. Und wenn man merkt, da gibt es mehr Bedarf, fragen wir nach, ob sie nicht zur Beratung kommen möchten.

Genau, wir wollen nicht nur einen zentralen Standort haben, sondern dahin gehen, wo die Menschen sind – damit die Wege kurz bleiben.

Ganz klar: weniger Bürokratie, insbesondere bei Bildung und Teilhabe. Am besten wäre so eine Art BuT-Karte: Wenn ich Transferleistungen bekomme, kann ich das automatisch gleich mit beantragen. Und dann können die Kinder einfach die Leistungen nutzen, wie Mittagessen, Schulmaterial, Hobbys – ohne jedes einzelne neu zu beantragen, wie man es bisher machen muss. Das würde Familien enorm entlasten. Es wäre einfach schon auf der Karte drauf und die Familien hätten keine Abrechnungen mehr, keine Vorleistungen.

Und ganz ehrlich: Anträge auf finanzielle Unterstützung sind teilweise so kompliziert formuliert – selbst wenn man sich auskennt, stehen einem manchmal die Haare zu Berge.

Wir müssen aufpassen, dass die Spaltung in Potsdam zwischen Arm und Reich nicht noch weiter voranschreitet. Viele sagen, Potsdam sei eine so lebenswerte Stadt, aber ich glaube, es gibt ganz viele Menschen, die das gar nicht behaupten, sondern für die es hier sehr, sehr kompliziert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, Potsdam als lebenswert zu empfinden, wenn ich das Gefühl habe, ich komme aus meiner Zweiraumwohnung mit fünf Kindern nicht mehr raus, weil es einfach nichts gibt und schon gar nichts, dass ich bezahlen könnte.

Ich mag Potsdam auch sehr, ich bin hier aufgewachsen. Und trotzdem finde ich, man kann sich nicht darauf ausruhen, dass es hier wunderschön ist, wenn wir hier einen großen Anteil von Menschen haben – mittlerweile auch in der Mittelschicht – die einfach sagen, es wird zu eng.

Wir brauchen mehr Unterstützung: Schulsozialarbeit, Kita-Sozialarbeit – und zwar flächendeckend. Und wir brauchen Orte, an denen sich Menschen begegnen können – niedrigschwellig, ohne Hürden.

Am Ende geht es nicht darum, ob jemand arm oder reich ist, sondern darum, dass wir als Gesellschaft zusammenbleiben, gemeinsam leben und Verantwortung für kommende Generationen tragen. Dass man sich als Mensch begegnet. Und das ist eigentlich das Wichtigste.

Weitere Infos:
buero-kindermut.de
www.facebook.com/awobuerokindermut
www.instagram.com/awobuerokindermut

Spendenprojekte: buero-kindermut.de/de/spenden

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