Wir haben mit der Fachkoordination für Armutsprävention der Landeshauptstadt Potsdam, Julia Nina Baumann, ein ausführliches Interview geführt. Bei allen Anliegen zum Thema Armutsprävention war es ihr besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich neben Behörden und Institutionen grundsätzlich alle Menschen im Alltag armutssensibel verhalten können. Wir haben sie gefragt: „Was bedeutet Armutssensibilität?“
Was ist eigentlich Armutssensibilität – und was kannst du im Alltag tun?
Armutssensibilität beschreibt eine Haltung und Praxis, die die Lebensrealitäten von Menschen mit wenig finanziellen Ressourcen bewusst berücksichtigt. Sie zielt darauf ab, Benachteiligungen nicht zu verstärken, sondern Teilhabe zu ermöglichen. Das bedeutet: respektvoller Umgang ohne Vorurteile, Sensibilität für verdeckte Kosten (zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten oder Schulmaterialien) und ein Bewusstsein dafür, dass Armut häufig mit Scham, Ausgrenzung und eingeschränkten Handlungsspielräumen einhergeht.
Warum ist das wichtig?
Armut ist im Alltag oft nicht unmittelbar sichtbar – ihre Auswirkungen sind jedoch nachhaltig. Kinder können zum Beispiel nicht an Ausflügen teilnehmen, Familien vermeiden kostenpflichtige Angebote oder geraten unter sozialen Druck. Armutssensibles Handeln hilft, solche Barrieren abzubauen und echte Teilhabe zu ermöglichen.
Was kannst du konkret tun?
- Im Alltag aufmerksam sein: Ein freundliches Lächeln oder ein respektvoller Blick gegenüber einer obdachlosen Person signalisiert Würde – statt wegzusehen oder abwertend zu reagieren.
- Kosten mitdenken: Plane Aktivitäten so, dass alle mitmachen können – etwa kostenfreie Ausflüge oder ein gemeinsames Picknick statt teurer Unternehmungen.
- Druck rausnehmen (zum Beispiel im Kindergarten): Ein selbstgebackener Rührkuchen zum Geburtstag ist völlig ausreichend. Aufwendige Geschenke für alle Kinder können bei Familien, die sich solche nicht leisten können, das Schamempfinden verstärken.
- Alternativen schaffen: Leihen, tauschen oder gemeinsam nutzen (zum Beispiel Kleidung, Bücher, Spielzeug, Fahrgemeinschaften) bietet allen die Option teilzunehmen.
- Sprache bewusst wählen: Keine abwertenden Kommentare über „Armut“ oder „die Anderen“ – Worte wirken sehr stark auf soziale Realitäten. Vermeide beschämende Fragen oder Kommentare zu Geld, Besitz, Kleidung oder Konsum.
- Unterstützung ermöglichen: Informiere dich über lokale Angebote und gib Hinweise weiter, ohne zu bevormunden.
- Inklusion unterstützen: Setze dich in deinem Alltag bewusst dafür ein, dass alle gleichermaßen teilhaben können.
Vier Schritte zu mehr Armutssensibilität:
- Handeln: Respektvoll bleiben – niemand wird beschimpft, ausgeschlossen oder bloßgestellt.
- Denken: Eigene Vorurteile hinterfragen (zum Beispiel „Armut ist selbstverschuldet“) und Zusammenhänge reflektieren.
- Fühlen: Offen und unvoreingenommen auf Menschen zugehen – mit Empathie statt Distanz.
- Wissen weitergeben: Teile deine Armutssensibilität mit anderen und weise konstruktiv auf Problemlagen hin.