Das Familienmagazin für Potsdam und Umgebung

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Das Familienmagazin für Potsdam und Umgebung

Foto: eloi/AdobeStock

„Ihr könnt erziehen, wie ihr wollt – eure Kinder machen euch sowieso alles nach!“

Dieser provokante Satz, in Variationen mehrfach zitiert, wirft die Frage auf: Was ist dran an der Behauptung? Nachahmung ist tatsächlich ein genetisch verwurzelter Instinkt und dem Menschen angeboren. Heute weiß man, dass Spiegelneuronen daran einen großen Anteil haben.



Eltern und enge Bezugspersonen sind die ersten, die von ihren Kindern imitiert werden. Schon kurz nach der Geburt beginnt das Nachahmen. Die Aufmerksamkeit des Kindes geht von der anfänglichen Reflexphase in eine gezielte Blicksuche zu den Eltern und Bezugspersonen über: Lächelt ihr euer Kind an, lächelt es zurück. Streckt ihr die Zunge heraus, versucht es, euch nachzuahmen. So beginnt das Lernen durch Nachahmen von Vorbildern. Die ersten Nachahmungen geschehen sozusagen „Face to Face“. Die Mundbewegungen, die ersten Geräusche und Gesten – alles, was ihr macht, versucht euer Kind nachzumachen – dazu braucht es direkten (Blick-)Kontakt. Kinder lernen in diesem Kontakt auch das emotionale Gefühlsspektrum kennen und ordnen Handlungen Bedeutungen zu: Lachen steht für Freude, Zunge herausstrecken für Spaß. Aber auch für die Sprachentwicklung ist diese Phase besonders wichtig.

Je jünger ein Kind ist, desto stärker orientiert es sich an anderen Menschen. Für Neugeborene ist die Welt mehr oder weniger ein unbeschriebenes Blatt, alles will entdeckt und eingeordnet werden. Um zu lernen, brauchen Kinder soziale Interaktionen mit Vorbildern, die ihnen durch ihr Verhalten Handlungen und Zusammenhänge zeigen. Blickkontakt und Aufmerksamkeit sind dabei für Babys essenziell – beim Spazierengehen im Kinderwagen, beim Wickeln oder beim gemeinsamen Spielen.

In den ersten Jahren ist der genetisch gesteuerte Nachahmungsantrieb vollkommen unbewusst, legt jedoch die grundlegende Basis für das Verständnis eures Kindes von der Welt, von Beziehungen und Werten.

Im zweiten Lebensjahr kann die Nachahmung schon aus der Erinnerung abgerufen werden und muss nicht „Face to Face“ passieren. Jetzt beginnen Kinder, Szenen aus dem Alltag nachzuspielen. Der Teddy wird im Tonfall der Mutter aufgefordert, die Zähne zu putzen, oder die Puppe wird mit der tiefen Stimme des Vaters gebeten, das Essen zu probieren. Kinder spiegeln ihre Umgebung – sie saugen Verhalten, das sie beobachtet haben, auf und imitieren es. Manchmal erkennen wir uns dann selbst in unseren Kindern wieder und es entstehen lustige Momente. Doch Kinder ahmen uns nicht zum Spaß nach.

Eltern und Bezugspersonen prägen durch ihr Vorbild die emotionale und soziale Entwicklung ihrer Kinder, dabei ist Nachahmung eine zentrale Methode, mit der Kinder soziale, kognitive und emotionale Fähigkeiten entwickeln. Durch Beobachtung und Nachahmung lernen sie, was akzeptabel ist, entwickeln ihre eigene Entscheidungsfähigkeit und einen eigenen Wertekanon, der sich zunächst stark an den Eltern orientiert. Durch Nachahmung bauen Kinder aber auch Bindungen auf und zeigen, dass sie soziale Signale verstehen und Teil einer Gruppe sein wollen.

Mit zunehmendem Alter erweitert sich der Kreis der Vorbilder. Neben Eltern, Geschwistern und Großeltern kommen Gleichaltrige, Erzie­her:innen, Lehrer:innen hinzu, aber auch Serien­helden oder Prominente aus Musik, Film und Sport oder auch Aktivist:innen, die sich für soziale oder politische Themen einsetzen. Je vielfältiger die Vorbilder, desto eigenständiger entwickelt sich das Wertesystem. Dennoch bleiben die Eltern ein Leben lang prägend.

„Ein Vorbild ist eine Person, die anderen mit gutem Beispiel vorangeht.“

Schön wär’s. Tatsächlich ist jeder ein Vorbild – egal ob ein gutes oder schlechtes. Kinder beobachten genau, um die Welt zu begreifen. Ein bewusst positives Vorbild zu sein, heißt, authentisch zu handeln und die Werte vorzuleben, die man vermitteln möchte: Respekt, Empathie, Ehrlichkeit, Freundlichkeit. Das bedeutet nicht, dass ihr perfekt sein müsst. Im Gegenteil, es ist wichtig, euren Kindern zu zeigen, dass Fehler normal sind und dass es darum geht, aus ihnen zu lernen und sich weiterzuentwickeln.

Zum Beispiel wird das Verständnis davon, wie man miteinander kommuniziert und in Beziehung ist, schon sehr früh im Leben geprägt. Aufmerksam zuhören, miteinander im Kontakt sein, all das schaut sich das Kind von euch ab. Und heutzutage spielt dabei auch die Nutzung von Smartphones eine immer stärkere Rolle: Schaut man sich beim Reden an oder tippt man nebenbei eine WhatsApp-Nachricht? Unterbricht das Handy jedes Gespräch? Oder sitzt man beim Spielen gar mit dem Smartphone daneben und ist gedanklich abwesend? Wie präsent ist das Handy im Familienalltag?

Auch Medienerziehung beginnt schon in den ersten Lebensmonaten mit euch als Vorbild. Später über Bildschirmzeiten zu diskutieren, wirkt wenig überzeugend, wenn das Handy immer Priorität hatte: „Ihr macht es doch auch so!“ Denn Vorbilder prägen nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch Verhalten. Deshalb ist authentisches und konsequentes Handeln wichtig, um positive Werte zu vermitteln. Dazu gehört auch, das eigene Verhalten regelmäßig zu hinterfragen: Lebe ich die Werte, die ich meinem Kind vermitteln will?

„Können auch Männer Bundeskanzlerin werden?“

Dieser Satz eines Kindes wurde sogar zum Buchtitel. Eine ganze Generation wuchs mit Angela Merkel als Kanzlerin auf – ein Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Vorbilder die Wahrnehmung prägen. Frauen in Führungspositionen, Männer als Erzieher, junge Menschen, die sich engagieren: Gesellschaftliche Vorbilder beeinflussen Kinder und vor allem Jugendliche. Mit der Jugendzeit grenzen sich viele von den Eltern als primäre Vorbilder ab. Dennoch zeigen Umfragen, dass viele Jugendliche ihre Eltern weiterhin als Vorbilder sehen.

Auch mediale Vorbilder gewinnen an Bedeu­tung. Helden aus Filmen, Spielen oder Social Me­dia inspirieren Kinder und Jugendliche, verschiedene Rollen auszuprobieren. Eigenschaften wie Mut, Ehrlichkeit, Loyalität oder Humor beeindrucken Jugendliche meist besonders.

„Und was sind eure Vorbilder? Und warum?“

Sprecht mit euren Kindern darüber, wen ihr bewundert und wer euch inspiriert. Fragt auch, welche Vorbilder eure Kinder haben und was sie an ihnen schätzen – besonders, wenn ihr glaubt, dass es negative Vorbilder sind. Insbesondere kleinere Kinder könnten glauben, dass deren Verhalten normal und akzeptabel ist. Das betrifft beliebte Influencer:innen oder Sportler:innen genauso wie Serienhelden oder Personen aus dem persönlichen Umfeld. Dies ist eine Gelegenheit, das aufzugreifen und gemeinsam zu besprechen, warum Rassismus, Sexismus, Gewalt oder Drogenmissbrauch nicht akzeptabel sind. Fragt, wie euer Kind das Verhalten eines Vorbilds einschätzt. Fragt, welche Eigenschaften es an seinen Vorbildern faszinieren. Grundsätzlich müsst ihr die Idole eurer Kinder nicht mögen, aber zeigt Interesse. Ein Gespräch über Vorbilder ist immer auch ein Gespräch über (gemeinsame) Werte und Normen. Vorbildlich!

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